"In Österreich liegt dieses Migrationsproblem irgendwie in der Luft "

9. Juni 2010, 13:23
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Im Dokumentarfilm "Kick off" spielt die Obdachlosen-Fußball-Nationalmannschaft beim "Homeless Worldcup" um Respekt und Lebensfreude. Regisseur Hüseyin Tabak erzählt Bedirhan Boztepe, warum er sich in Österreich als Immigrant fühlt.

Standard: Ist es Zufall, dass das "Austrian Homeless Team" zur Hälfte aus Spielern mit Migrationshintergrund besteht?

Tabak: Ja. Es gibt Obdachlosenturniere in ganz Österreich, wo die Spieler von den Trainern quasi "gecastet" werden. Im Endeffekt laden sie 16 Leute zu einem Trainingslager ein, von denen acht zur WM mitzufahren dürfen. Wahrscheinlich spielen prozentuell gesehen mehr Migranten Fußball in den Käfigen als Österreicher.

Standard: Die Spieler verbindet neben ihrem sozialen Background und dem Fußball auch das österreichische Leiberl. Wie war es für das Team, beim "Homeless Worldcup" 2008 in Australien für Österreich anzutreten?

Tabak: Ganz einfach: Sie waren stolz, dass sie dieses Leiberl anhatten; jeder Einzelne von ihnen.

Standard: Wie war die Reaktion der Zuschauer auf die "Nationalmannschaft"?

Tabak: Die Zuschauer in Australien haben sie als Österreicher gesehen. Das Problem war aber, dass sie in Österreich - in ihrem Heimatland - nicht als Österreicher gesehen wurden. Als sie vor 30.000 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion vorgestellt wurden, wurden sie von österreichischen Fans mit Feuerzeugen beworfen und mit "Scheiß-Ausländer"-Rufen beschimpft. In Österreich liegt dieses Migrationsproblem irgendwie in der Luft: Man spürt es in der U-Bahn, in den Straßen, in den Schulen. Man spürt, dass man ein Immigrant ist.

Standard: Wie geht es Ihnen damit? Sie sind kurdischer Abstammung, sprechen Türkisch und sind in Deutschland aufgewachsen.

Tabak: Ich habe eine deutsch-türkische Frau und bin Deutsch-Kurde. Es ist schon schwierig, vor allem für Kurden, weil sie keine Heimat haben. Also ich sag's so: In Deutschland bin ich Deutscher. Aber hier in Österreich bin ich einfach Immigrant.

Standard: Verkörpert die Teilnahme am "Homeless Worldcup" für die Protagonisten ein Stück Freiheit oder auch den Sprung in ein neues Leben?

Tabak: Beides. Es ist einerseits ein Sprung in ein neues Leben, was man auch an der Geschichte von Orhan sieht. Er kommt aus der Türkei, einem Land, das an drei Seiten vom Meer umgeben ist, und er hat es noch nie gesehen. Das sagt viel über seine Vergangenheit aus. Andererseits ist es auch ein Sprung in ein neues Leben. Wir haben gezeigt, was die WM den Burschen gegeben hat. Das ist für sie ein Neuanfang. Was sie daraus machen, liegt in ihrer Hand. Kick off ist ein Film über das Leben, auch wenn diese Menschen ganz nah am Tod waren.

Standard: Gibt es schon Pläne für ein neues Filmprojekt?

Tabak: Ich würde gerne eine Geschichte von einem 16-Jährigen Jungen mit Migrationshintergrund erzählen. Ein Junge, der versucht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, der aber durch sein Umfeld dorthin kommt, wo ihn die Gesellschaft haben möchte. Die Geschichte wird in Wien spielen, in einem Bezirk mit einem hohen Migrantenanteil. Im Endeffekt geht es darum, was ich mit dieser "Luft" meine - dieses Migrationsproblem. Ich habe diese Luft lange genug eingeatmet: Jetzt möchte ich sie ausatmen. (STANDARD, 9.6.2010)

Zur Person:

Hüseyin Tabak, geb. 1981 in Lemgo, studiert seit 2006 an der Filmakademie Wien. Schon sein erster Kurzfilm "Chees" war ein Erfolg.

www.kickoff-derfilm.at

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