Israelische Militäraktion "einfach dumm"

9. Juni 2010, 11:29
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Dirigent: "Was denkt denn die israelische Regierung, was die Folgen eines solchen Einsatzes sein werden?"

Hamburg - Vehemente Kritik an der Politik Israels hat der weltberühmte Dirigent und Pianist Daniel Barenboim gegenüber der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" geübt. Die israelische Militäraktion gegen einen Gaza-Hilfskonvoi von pro-palästinensischen Aktivisten in internationalen Gewässern, bei der neun Türken erschossen wurden, nannte er "schrecklich" und "einfach dumm". Barenboim laut Vorausmeldung vom Mittwoch: "Ich verstehe auch strategisch eine solche Aktion nicht. Was denkt denn die israelische Regierung, was die Folgen eines solchen Einsatzes sein werden? Ich begreife nicht, was mit dem Mythos der jüdischen Intelligenz passiert ist."

Der Dirigent bezeichnet die Blockade des Gaza-Streifens durch Israel als Fehler: "Wenn die Blockade des Gaza-Streifens nicht da wäre, müsste man sie auch nicht auf diese übertriebene Weise sichern und aufrechterhalten. Ich würde heute hinfliegen, wenn ich wüsste, ich könnte hineinkommen und spielen."

Die Besetzung des Westjordanlandes durch Israel sei im Laufe der Jahre immer "kolonialistischer" geworden. Barenboim: "Kolonialmächte sind aber verantwortlich für die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung. Wo sind die Schulen und Krankenhäuser, die die Israelis in Ramallah errichtet haben, um nur von einer Stadt zu reden? Warum haben sie keine erschwinglichen Wohnungen gebaut für die Flüchtlinge?" Barenboim zeichnete ein pessimistisches Zukunftsbild: "Wenn es so weitergeht, sind die Tage von Israels Existenz gezählt. Die demografische Entwicklung zeigt uns, dass die Juden nicht in der Mehrheit bleiben werden. Was dort passiert, das ist Apartheid, das ist nicht haltbar. Und was mich wirklich wütend macht, ist, dass viele israelische Regierungen, nicht nur die jetzige, davon überzeugt sind, sie hätten das Recht, Leute umzubringen, weil sie Israels Existenzrecht nicht anerkennen. Das kann doch nicht sein."

Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires in einer vor den Pogromen im zaristischen Russland geflohenen jüdischen Familie geboren. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin. Das von ihm gegründete "West-Eastern Divan Orchestra" besteht aus israelischen und arabischen Musikern. (APA)

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