Innen und außen

15. August 2003, 21:17
posten
Goethe passt immer. Auch wenn der hoch zu verehrende Herr Geheimrat zu den wenigen zählt, die es - zweifellos zu ihrem eigenen Schaden - versäumt haben, der nunmehrigen Kulturhauptstadt einen Besuch abzustatten.

Selber schuld. So wird man ihn eben nicht in einem Atemzug mit Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer und allen übrigen Grazer Literaturgranden nennen.

Aber zitieren darf man ihn trotzdem. Schrieb er doch einmal sehr tiefsinnig: "Nichts ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen ist, ist außen."

Im Zusammenhang mit dem lieben Graz lässt sich daraus nicht ganz zu Unrecht schließen, dass der Eindruck, den diese Stadt auf den Betrachter aus der Ferne macht, derselbe ist, den jene haben, die zu ihrem Glück (oder auch Pech) ständig in ihr leben.

Die Probe aufs Exempel bietet sich in diesen Tagen ganz besonders an, ist doch erst vor kurzem im Literaturverlag Droschl ein Buch mit dem an den einleitenden Goethespruch gemahnenden Titel graz von aussen erschienen. Klaus Hoffer und Alfred Kolleritsch haben als dessen Herausgeber 44 Meinungen von Nichtgrazern über Graz gesammelt. Darunter Ludwig Harig, Franz Schuh und Urs Widmer. Da gibt's viel zu schmunzeln.

Über Leopold von Sacher-Masoch etwa. Zu Lebzeiten hätte er sich wohl nie träumen lassen, dass ihm die Kulturhauptstadt heuer gleich zwei Ausstellungen widmen würde. Wirkte Graz auf ihn doch "klein wie die Hauptstadt von Liliput, in der jeder halbwegs gut entwickelte Mensch für einen Riesen angesehen wird und den kleinen Köpfen und Herzen entsetzliche Furcht einflößt."

Und Peter Weibel, der ihn in seinem Beitrag zitiert, setzt noch eins drauf, indem er Sacher-Masochs Feststellung, "Scandal ist, wenn man Talente zu unterdrücken sucht und principiell nur Mittelmäßigkeiten protegirt", mit dem Satz kommentiert: "Eine gute Beschreibung des Kunstklimas von heute in Graz."

Vielleicht ist dies der Grund für Friedrich Achleitners lakonisches Finale seiner Betrachtungen: "Ich fahre immer wieder gerne nach Graz, aber auch gerne wieder weg."

Nun gibt es eine Gruppe junger Grazer Insider, die sich in ihrer Monatsschrift 80 mit ebenso viel Courage wie Sachkenntnis zu schreiben wagen, was in der Kulturhauptstadt zwischen Insel, Uhrturmschatten und Listhalle leider auch Sache ist. Gleich auf der Titelseite fragen sie:

"Warum wird das Forum Stadtpark nicht in das 2003-Programm eingebunden? Warum wird das Kunsthaus erst im September fertig? Warum ist die Luft in Graz schlechter als neben der Autobahn? Warum sieht man von der Murinsel aus kein Wasser?"

Die Antwort frei nach Geheimrat Goethe: Wie es in den Köpfen der Grazer Stadtpolitiker aussieht, so auch in ihrer Stadt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

Share if you care.