Nordische Schinken für den Zweistromländer

24. April 2003, 17:52
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Mit neuen "Fantasy"-Bildfunden ist die Privatsphäre des verschollenen Diktators Saddam Hussein endgültig als grausige Spießerhölle enttarnt

Mit neuen "Fantasy"-Bildfunden ist die Privatsphäre des verschollenen Diktators Saddam Hussein endgültig als grausige Spießerhölle enttarnt. Doch Gewaltherrscher pflegen seit jeher einen innigen Umgang mit den Erzeugnissen des Kitsches.


Bagdad - Der Fund mehrerer Fantasy-Ölbilder von verheerender Qualität in einer Bagdader Absteige des spurlos verschwundenen Diktators Saddam Hussein nährt einen altbekannten Verdacht: Autokratische Gewaltherrscher, die sich vor den Augen ihres Staatsvolkes zumeist schamlos als Modernisten gebärden, als personale Künder des Fortschritts wie des Allgemeinwohls, erweisen sich privat als trostlose Spießer. Während sie etwa gigantische Industrieparks aus den sauren Böden der von ihnen verwahrlosten Staatsterritorien stampfen lassen, regiert im trauten Bezirk der eigenen vier Wände der Biedersinn.

Mit unbestechlichem Gespür für das unaufwändig Komfortable schmücken sie ihre dem Staatsvermögen abgepressten Klosettdeckel mit Frotteeteppichen. Bevorzugen sie Badeschlappen mit Wollgütesiegel, legen sie sich - wie Erich Honecker - Softsex-Videotheken für den maßlos entspannenden Heimabend im kuscheligen Sperrbezirk zu. Es gilt die eiserne Diktatorenregel: Wer tagsüber das Gesetz des Weltgeists vollstreckt, genießt abends das banale Vorrecht, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

US-Soldaten üben sich in Bagdad in der Behaglichkeit Saddams: im Bildhintergrund zwei Fantasy-Ölschinken

Die massive Prunkentfaltung in den zahllosen Saddam-Palästen bildet zu dieser These keinen erkennbaren Widerspruch. Längst sind die Nobelhütten des Irakers mit ihren Goldarmaturen als reine Kulissendörfer enttarnt - errichtet zur Täuschung jener inneren wie äußeren "Staatsfeinde", die erwartbarerweise nach dem Leben des Gewaltherrschers trachten. Der Entdeckung röhrender Hirsche oder, wie im Falle Saddams, hingegossener Fantasy-Maiden im autokratischen Eigenheim haftet stets etwas Peinliches an. Noch dem ungerührten Stalin entlockten einzig die Schießereien in amerikanischen B-Western, deren passionierter Sammler er war, ein amüsiertes Lächeln in den abgedunkelten Kinosälen des Kremls.

Über Hitlers fatalen Kunstgeschmack wurden ganze Bibliotheken geschrieben. Indem der Nationalsozialismus die Sphäre des Politischen mit der Ästhetik der Masse regelrecht kurzschloss, wurde das latente Kunstideal einiger verkrachter Spießerexistenzen, darunter des "Literaten" Joseph Goebbels, auch noch zur Richtschnur für Millionen. Die Wahrheit scheint einigermaßen banal. In den schlichten Erzeugnissen des Kitsches erfährt eine als widersprüchlich begriffene Welt ihre Verniedlichung.

Misstrauische Diktatoren, die es von Berufs wegen gewohnt sind, sich und ihren eigenen Geltungsanspruch beargwöhnt zu sehen, finden im (schlecht gemalten) Bild des strahlenden Conan das bisschen Selbstbestätigung, das sie in der "grauen", für sie gefahrvollen Wirklichkeit entbehren. Inmitten der unausgesetzten Konfusion der Kategorien von "Gut" und "Böse" erfreut sich der "verdiente Massenmörder des Volkes" (Brecht über Stalin) somit des Trostes durch Gerümpel: Hitlers späte, pathologische Gier nach Kuchen sticht in der merkwürdigsten Weise ab vom Vernichtungswerk, das seine Spießgesellen in der abgelegenen Weite Polens und der Ukraine inszenierten.

In das blanke Erstaunen über den zurückgebliebenen Geschmack mischt sich der Ekel.

Interessant bleibt die Tatsache, dass sich säkular-muslimische oder angeblich sozialistische Diktatoren wie Nordkoreas Kim Jong-il, ein bekennender Hollywood-Freund, bevorzugt an Erzeugnissen des als dekadent gebrandmarkten "Klassenfeindes" gütlich tun. Die Macht der Kulturindustrie kennt offenbar keine Stacheldrahtzäune. Und Saddams Männlichkeitsideal verströmt den nordischen Zauber eines europäischen Fantasiezeitalters. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19./20.4.2003)

Von
Ronald Pohl
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    First Lieutenant Eric Hooper bestaunt das Schicksal einer nordischen Jungfrau in der Wohnung einer Exgeliebten von Saddam.

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