Die Geheimnisse des Phoenix

25. April 2003, 20:17
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Gerade Ostern ist ein guter Zeitpunkt, um über Tod und Auferstehung zu sinnieren - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Spätestens seit Schumpeter wissen wir, dass es ohne "kreative Zerstörung" keinen Fortschritt, kein Wachstum gibt.

Entrepreneure wie Steve Jobs oder auch Haim Saban zeigen uns, dass der zweite Versuch nach einer Pleite oft überdurchschnittlich erfolgreich ist - das wird von einer BCG-Studie unter den 500 am schnellsten wachsenden Firmen Europas bestätigt: "Restarter" haben die Nase vorn beim Wachstum von Umsatz und Mitarbeiteranzahl. Nach welchen Geheimrezepten kochen diese Phoenixe der Wirtschaft?

Das Geheimnis ist, ...

Das Geheimnis ist, dass es keines gibt. Sie haben einfach sechs Lektionen aus ihren Fehlern gelernt. Erstens: Sie schätzen ihre Fähigkeiten realistisch ein und schließen vorhandene Lücken durch andere Mitglieder eines ausgewogenen Führungsteams. Zweitens: Sie ergänzen unternehmerischen Elan mit Praxiswissen, profunden Analysen und nachvollziehbaren Umsetzungsplänen. Drittens: Sie sorgen für größere Transparenz und bessere Kommunikation in ihren Firmen - aber auch gegenüber Kunden, Banken und Lieferanten. Viertens: Sie setzen auf Entlohnungsstrukturen, die durch eine ausgewogene Gewinnbeteiligung Interessenkonflikte zwischen Eigentümern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern minimieren.

Fünftens: Sie sind angewiesen auf innovative Finanzierungsformen - und beherrschen diese. Sechstens sind sie durch ein maßvolles Investitionsverhalten mit realitätsnahen Zeitannahmen geprägt. Ihre unternehmerischen Sinne sind durch den Läuterungsprozess geschärft: Sie haben es nun verstanden, diese allgemein gültigen Regeln gleichzeitig zu beachten. Also sollten wir nach Augustinus "den Irrtum hassen, aber den Irrenden lieben." Leider ist es aber hierzulande nicht so; das Stigma des Scheiterns haftet gestrauchelten Gründern fast lebenslänglich an. Wir haben keine Kultur der zweiten Chance - weder in der Bevölkerung, noch beim Gesetzgeber und erst recht nicht bei den Investoren und Banken. Damit vergeben wir wertvolle Wachstumschancen! Je mehr Restarter eine Wirtschaft aktivieren kann, desto dynamischer ist sie.

... dass es keines gibt

Die "Erneuerungsrate" (gemessen an den Marktein- und -austritten) einer Volkswirtschaft korreliert positiv mit dem BIP-Wachstum. Zweitgründerfreundliche Bedingungen sind daher ein wichtiger Standortfaktor. Subventionen sterbender Branchen, schwerfällige Gründungsformalitäten, Finanzierungshindernisse und ein einseitig kreditgeberfreundliches Insolvenzrecht sind Gift für Restarter und damit für Wachstum und Beschäftigung. Je schneller erfolglose Erstgründer wieder in das System eingeschleust werden, desto besser. Risiken sind ein integraler Bestandteil von Unternehmertum und Fehler sind ein "wertvolles Gut" - wenn man bereit ist, aus ihnen zu lernen. In der Wirtschaft sollte Ostern, das Fest der Wiederauferstehung, jeden Tag möglich sein. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 19.4.2003)

Nachlese
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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    montage: derstandard.at
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