In aller Klarheit gar nichts sagen

18. April 2003, 19:06
13 Postings

Antworten Österreichs Politiker immer weniger auf Journalistenfragen? Oder verweigern sie sich nur ungeschickter? Sind Medientrainer schuld an rhetorischem Leergut?

Ein STANDARD-Rundruf ergab: ein klares Vielleicht.

***

"Wenn es am Coaching liegt, dann kann es nur blödes Coaching sein." So mancher seiner Kollegen verfüge vielleicht über Gespür, vermisse aber Qualifikation, sagt Gerd Prechtl. Er hat den Parlamentsklub der ÖVP betreut, kümmert sich um den Auftritt "von Landeshauptleuten und Ministerpräsidenten", hat mit dem früheren ÖVP-Chef Alois Mock auch schon "eine saftige Niederlage eingefahren".

"Journalisten als Feinde"

Peter Menasse von der Agentur communication matters trainiert "auch Politiker". Seine Ferndiagnose: "Paranoia" vor allem der FPÖ, die "Journalisten als Feinde" sehe. Nicht jeden freilich: Von Elmar Oberhauser ließen sich FP-Politiker schon coachen, berichten ORF-Insider.

Fernsehen ermöglicht nur kurze Statements. Das bedeutet wenig Gelegenheit, Botschaften zu transportieren. Sind Politiker unflexibel (und vielleicht ein wenig übertrainiert), kommen sie stereo- typ auf ihre Kurzbotschaft zurück.

ORF-Anchorman Armin Wolf bestätigt: "Manche Politiker sehen TV-Interviews weniger als Gespräch, in dem Fragen gestellt und beantwortet werden, sondern mehr als Gelegenheit, vor hunderttausenden Wählern für ihre Politik, für sich, für ihre Partei zu werben." Hat sich das verschlimmert? "Wahrscheinlich sind Politiker heute besser geschult", sagt Wolf.

"Eindeutige Verschlechterung"

"Eindeutige Verschlechterung" konstatiert indes Coach Prechtl: Jedwede Frage "stereotyp mit dem eingelernten Stehsatz zu beantworten grenzt ans Lächerliche". Ein ranghoher ORF-Mann: "Die Techniken sind nicht mehr so ausgefeilt. Die Geschicklichkeit des Nichtsagens hat sich klar verschlechtert. Ein Kanzler Franz Vranitzky hat in ordentlicher äußerer Form viel weniger auffällig nicht geanwortet als ,in aller Klarheit'".

Gemeint: Vizekanzler und FP-Chef Herbert Haupt. Dass an dessen Ausweichmanövern ein Mediencoach beteiligt war, bestreitet ein langjähriger FP-Mann entschieden. Danach klingt auch ORF-Journalist Wolf: "Herr Haupt antwortet immer so. Auch ohne Kameras."

"Orwellsches Fernsehen"

Legendär Haupts Ausweichmanöver, als ihn Ingrid Thurnher in der "ZiB 2" auf den Zustand seiner Partei nach heftigen Angriffen einzelner Landesorganisationen anspricht: "Orwellsches Fernsehen" vermutet er auf dem Küniglberg. In Live-Gegenangriffen auf ORF-Journalisten war Vorvorvorgänger Jörg Haider treffsicherer, der gerne mit Hinweisen auf ORF-Privilegien konterte.

"Allmachtsfantasie" verschlimmere die Sache, sagt Menasse: "Politiker denken, sie müssen zu allem was zu sagen haben. Ergebnis: inhaltsleere Stehsätze." Nicht jeder mag immer: Kanzler Wolfgang Schüssel nur, wenn er etwas sagen will, sonst ist er tagelang für Themen nicht greifbar. "Er entzieht sich mehr, als er ausweicht", sagt der ORF-Mann.

"Kraftlackeleien" statt "Katalysator"

Nicht zu übersehen gilt es das Gegenüber der Politiker, mahnt Prechtl: Journalisten versuchten "Kraftlackeleien" statt "Katalysator" zu spielen zum besseren Verständnis des Bürgers. Sein Anforderungsprofil: "In der Sache hart und unbestechlich, in der Form konziliant".

Bleiben Journalisten zu wenig hart? "Glaube ich nicht", verteidigt Wolf seine Zunft. Und wie oft kann man live im ORF dasselbe nachfragen? "Bis sich die Zuseher langweilen oder ärgern. Wann das so weit ist, ist manchmal nicht einfach einzuschätzen." (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 19./20./21.4.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Herr Haupt antwortet immer so. Auch ohne Kameras": Vizekanzler beileibe kein Einzelfall als ausweichender Politiker.

Share if you care.