Pressestimme: Irak als Testfall für Amerikas neue "Erlösungspolitik"

18. April 2003, 11:53
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"Die Zeit": Legitimität des Irak-Feldzugs ruht auf Bildern fallender Saddam-Statuen - Kreuzrittertum "militanter Überzeugungstäter" ärger als imperiale Verlogenheit

Hamburg - "Mit nachgerade messianischem Eifer und Erlösungspathos scheinen sich George W. Bushs Vereinigte Staaten zur Neuordnung der Welt anzuschicken", analysiert die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit". "Das moralische Geschütz, das Amerikaner und Briten im Vorfeld und während des Kampfes aufgefahren haben, war schwer: Gut gegen Böse, Freiheit gegen Tyrannei. Weil im Irak bisher keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, hat das Befreiungsmotiv an Gewicht sogar noch gewonnen. Die Legitimität des Feldzugs ruht einstweilen auf den Bildern von fallenden Saddam-Statuen und zerrissenen Herrscherporträts."

"Was eben noch als Fantasterei neokonservativer Ideologen gelten konnte - die Vision eines demokratisierten Irak mit Ausstrahlung in die gesamte arabische und muslimische Welt -, das wird eine skeptische globale Öffentlichkeit jetzt ernst nehmen und zum Maßstab für Recht und Erfolg des amerikanischen Eingreifens machen. Dies war kein den Vereinigten Staaten aufgezwungener, sondern ein gewollter und gewählter Krieg. Umso genauer wird man hinsehen, ob die Prinzipien einer solchen Politik mehr als Rhetorik sind und ob ihre Verheißungen in Erfüllung gehen."

Machtdemonstration und Einschüchterungsgeste

"Es wäre bizarr, die Rolle des nationalen Interesses und der imperialen Ambition in der Politik der Vereinigten Staaten zu leugnen. Der Irak-Krieg ist eine massive Machtdemonstration, eine Einschüchterungsgeste, die Wohlverhalten erzwingen soll, von Damaskus bis Pjöngjang. Aber schwerlich würde sich Amerika zu solchen Kraftakten aufgerufen und imstande sehen, wenn es nicht im Kern vom Wert seiner Sache und von der Universalität seiner Mission überzeugt wäre, davon, dass seine Ideale echt und allgemein gültig sind. Das aber irritiert und erschreckt vielleicht noch mehr als der Verdacht der Verlogenheit.

Wenn Bush und Blair wirklich meinen, was sie sagen, wenn es ihnen nicht ums Öl geht, sondern um 'das Gute' - ist das dann nicht noch viel abenteuerlicher und gefährlicher? Das 'alte Europa' (...) will von militantem Überzeugungstätertum nichts wissen. Schwarz-Weiß-Denken, Fundamentalismus, Kreuzritterei - die Formeln sind allgegenwärtig, in denen sich die Angst vor einer moralisch überhitzten, fanatisierten Politik ausspricht." (APA)

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