Hongkong räumt Fehler im Umgang mit SARS ein

19. April 2003, 16:41
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Führung in Peking ruft Ärzte auf, keine Informationen zurückzuhalten - Erste Verdachtsfälle auf Philippinen und in Indonesien

Hongkong/Peking/Bangkok - Hongkong hat am Freitag erstmals Fehler im Umgang mit der gefährlichen Lungenkrankheit SARS eingeräumt. Der Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungszone, Tung Chee-hwa, kündigte an, die Bemühungen zur Eindämmung des Schweren Akuten Atemwegssyndroms würden verstärkt. So sollte am Samstag erneut eine groß angelegte Reinigungsaktion der Stadt beginnen.

Gemeinsame Startegie

Die Länder Südostasiens wollen Ende des Monats in Bangkok über eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen die gefährliche Lungenkrankheit SARS beraten. Das teilte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums in der thailändischen Hauptstadt am Freitag mit. Das Treffen der zehn Mitglieder des Verbandes südostasiatischer Staaten (ASEAN) ist den Angaben zufolge für den 29. April geplant.

Quarantäne-Maßnahmen waren zu spät

"Am Anfang waren wir nicht so aktiv, wie wir es jetzt sind", sagte Tung in Hongkong. Seit Donnerstag wird auf dem Flughafen der Stadt bei allen abfliegenden Passagieren die Temperatur gemessen, in der kommenden Woche soll die Maßnahme auf eintreffende Fluggäste ausgedehnt werden. "Ich denke, insgesamt stabilisiert sich die Lage langsam", erklärte Tung. Hongkong war in die Kritik geraten, weil es deutlich später zu Quarantäne-Maßnahmen griff als andere betroffene Gebiete wie etwa Singapur.

Reinigungen

Am Samstag sollten besonders ältere Gebäude und Alleen in Hongkong gereinigt werden, in denen die Putzkolonnen nicht so häufig unterwegs sind wie in den Bürohochhäusern und teuren Wohngebieten. In den Wolkenkratzern werden Fahrstühle und Türklinken mittlerweile mehrmals täglich desinfiziert.

Aufruf zur Krankheitsmeldung

Die Kommunistische Partei in Peking erklärte nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua vom Freitag, alle Fälle von SARS müssten umgehend gemeldet werden. Die Regierungspartei mache alle Behördenmitarbeiter persönlich für den Kampf gegen die Lungenkrankheit verantwortlich.

Der frühere Gouverneur von Hongkong, Chris Patten, hatte den chinesischen Behörden vorgeworfen, Informationen über SARS zurückzuhalten. "Ich glaube nicht, dass sie alles gesagt haben", erklärte Patten am Donnerstag. Am Vortag hatte die WHO kritisiert, dass in den chinesischen Statistiken bisher nicht alle bekannten SARS-Fälle aufgeführt seien.

Unterschiedliche Zahlen

Hongkong registrierte bisher 69 SARS-Opfer, nach einem weiteren Todesfall vom Freitag in der Inneren Mongolei stieg die Zahl der Toten im übrigen China auf mindestens 66. Weiter gab es u.a. 15 Todesfälle in Singapur und 13 in Kanada.

Zwei weitere Länder mit SARS-Verdachtsfällen

Die gefährliche Lungenkrankheit SARS hat möglicherweise zwei weitere Länder Südostasiens erreicht. Die Philippinen und Indonesien meldeten jeweils den ersten dringenden Verdachtsfall des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS). Bei beiden Männern handle es sich um Ausländer, die von einer Hongkong-Reise zurückgekehrt waren, teilten die Behörden in Jakarta und Manila am Freitag mit.

Weltweit wurden bisher 111 SARS-Todesfälle registriert. Die Zahl der Infizierten liegt bei mehr als 2.700. Die WHO hat SARS-Fälle aus 17 Ländern gemeldet.

Singapur

In Singapur sind bisher 133 Menschen an SARS erkrankt und neun gestorben. 82 werden auf SARS-Verdacht hin untersucht. In dem Stadtstaat setzen die Gesundheitsbehörden jetzt Überwachungskameras in Privatwohnungen ein, um zu Hause unter Quarantäne gestellte Menschen zu beobachten. Als Begründung für die "Big Brother"-Aktion wurde genannt, dass in den vergangenen Wochen zwölf Menschen trotz der Isolierung ihre Wohnung verlassen hätten.

Verbreitung in Europa eher unwahrscheinlich

Der Freiburger Hygieneexperte Franz Daschner rechnet nicht mit einer Ausbreitung der Lungenseuche SARS in Europa. Er halte es für ausgeschlossen, dass sich die Krankheit in Ländern mit einem Hygienestandard wie dem deutschen ausbreiten könne, sagte der Professor für Umweltmedizin dem Nachrichtenmagazin "Focus": "Dazu ist das Niveau unseres öffentlichen Gesundheitswesens zu hoch."

Die weitere Entwicklung in Südostasien schätzt der Fachmann nach eigenen Worten "nicht pessimistisch" ein. Der SARS-Erreger breite sich langsamer aus als es etwa die Erreger der Influenza, von Ebola oder Pocken täten. Im Alltag einen Mundschutz zu tragen, hält Daschner für überflüssig. Denn auf der Straße sei das Ansteckungsrisiko selbst in Hongkong praktisch null. Es genüge, öfter die Hände zu waschen, ein wenig zurückhaltend gegenüber großen Menschenansammlungen zu sein und bei Symptomen rasch zum Arzt zu gehen. (APA/AP)

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