Die Museumschefs als Kannibalen

17. April 2003, 20:06
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Der Konkurrenzdruck hat Folgen

Thomas Trenkler

Peter Baum, Direktor der Neuen Galerie in Linz, blickt mitunter neiderfüllt in die Bundeshauptstadt. Denn schon 1989 präsentierte er just jene Sammlung der Druckgrafik von Toulouse-Lautrec, mit der nun das Leopold-Museum reüssiert. Seiner Ausstellung in der "Provinz" aber war längst nicht die gleiche oder gar eine höhere mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden.

Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, ist sogar verärgert. Weil eben just das Leopold-Museum, spezialisiert auf österreichische Kunst vom Biedermeier bis in die Nachkriegszeit, den Pariser Bohemien in samtig-verruchtem Ambiente zur Schau stellt.

Schröder nimmt es seinem ehemaligen Widerpart, Direktor Rudolf Leopold, zwar nicht übel, dass dieser mit einem "Schnellschuss" in die Domäne der Albertina (eben Grafik) einbricht. Aber er hatte selbst Toulouse-Lautrec geplant gehabt. Nicht irgendeine Wanderausstellung mit Reproduktionsware, sondern eine, die seinen Ansprüchen genüge tut: Schröder will, wie er es mit Munch vorführte, die Wechselwirkungen zwischen Grafik und Gemälde herausarbeiten, Stationen einer Bildwerdung vor Augen führen.

Diese mühevolle Arbeit kann er sich nun bezüglich Toulouse-Lautrec sparen: Eine Retrospektive würde das Publikum als billiges Remake empfinden - und nicht kommen.

Schnäppchenjagd

Aber Schröder braucht sich nicht so haben. Denn statt Toulouse-Lautrec bringt er eben, wie er trotzig ankündigte, Piet Mondrian. Und diesen Wegbereiter der Moderne hat er seiner Lieblingsrivalin, die seiner Meinung nach nur schnell konsumierbare "Kunst-Quickies" anbiete, vor der Nase weggeschnappt: Ingried Brugger, Direktorin des Kunstforums, hatte bereits seit geraumer Zeit mit Den Haag über eine Mondrian-Schau verhandelt. Aber Schröder konnte prima Tauschware anbieten, über die Brugger nicht verfügt.

Über eine noch bessere Tauschware verfügt Wilfried Seipel, der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums. Darunter einen Vermeer, eine ganz besondere Rarität. An dem Gemälde "Die Malkunst" das nach Expertenmeinung im Haus gar nicht mehr transportiert werden sollte, besteht höchstes Interesse. Derzeit ist das Werk in Madrid zu Gast. Im Prado.

Im Sommer 2004 wird Seipel dafür mit einer echten Sensation aufwarten können: Er zeigt Goya y Lucientes. Als Koproduktion mit Berlin und dem Prado, der über den größten und besten Bestand verfügt.

Das Nachsehen hatte Gerbert Frodl, der Direktor der Österreichischen Galerie. Denn er verhandelte eine Dekade (!) lang über eine Goya-Schau, die er eigentlich heuer zum 100-Jahr-Jubiläum seines Institutes präsentieren wollte. Aber er hatte "nur" Franz Xaver Messerschmidt anzubieten.

Frodl nimmt es gelassen. Nein, doch nicht ganz. Er will die Konkurrenzierung unter den Wiener Museen, ganz besonders unter den Bundesmuseen, Mitte Oktober bei einem dreitägigen Symposion erörtern lassen.

Vielmarkenstrategie

Denn der Staat fährt ja sozusagen eine Vielmarkenstrategie. Damit diese aber aufgeht, müssen sich die Produkte irgendwie unterscheiden. In der gegenwärtigen Museumslandschaft erfolgt eine Abgrenzung aber so gut wie nicht: Die Kunstmuseen beackern vornehmlich die Felder der klassischen Moderne und der Gegenwartskunst.

Die wiederholt vorgebrachte Kritik tangiert Bildungsministerin Elisabeth Gehrer aber nicht wirklich: Man wollte, wie sie gegenüber der Presse sagte, mit der Ausgliederung der Museen in autonome Anstalten öffentlichen Rechts auch den Wettbewerb unter diesen forcieren. "Und den gibt es jetzt." Sie verstehe daher nicht, woher "die Sehnsucht nach einer zentralen Steuerung der Museumslandschaft" komme.

Von "Steuerung" war allerdings nie die Rede: Vorgeschlagen wurde lediglich, für die Museen Profile zu entwickeln, die im Einklang mit der Geschichte jedes Hauses stehen. Damit es unter dem budgetären Druck, unter dem fast alle Direktoren stehen, nicht permanent zum gegenseitigen Zerfleischen kommt.

Mit klassischer Moderne positionierte sich bekanntlich einst das Kunstforum. Ingried Brugger geht der gegenwärtige "Kannibalismus" daher gehörig auf die Nerven. Ganz besonders, wenn er von Klaus Albrecht Schröder praktiziert wird.

Nicht weil Schröder einmal ihr Vorgesetzter und Ehemann war. Sondern weil Schröder den "Kannibalismus" kritisierte, ihn aber nun in Perfektion betreibt. Indem er fast alle Segmente zu den Kernkompetenzen der Albertina erhob: Sein Programm umfasst Gegenwartskunst (Robert Longo), klassische Moderne (Munch), Alte Meister (Rembrandt), Pop-Art, Architektur und Fotografie. Sein Credo: Jeder muss selbst schauen, wo er bleibt.

Freundschaftsakt

Von Kooperationen mit angeblich befreundeten Unternehmen hingegen scheint Schröder nicht viel zu halten. Denn Seipel fragte ihn, ob er nicht parallel zur Goya-Retrospektive das grafische Werk des Spaniers zu präsentieren gedenke. Als Ergänzung quasi. Aber Schröder lehnte ab, sagt Seipel. Weil es ihm nicht in sein Konzept passe. Denn es stimmt zwar, dass die Albertina über gute Goyas verfügt. Aber Schröder hat die Bestimmung "Graphische Sammlung" gestrichen. Und reine Grafikausstellungen passen ja nicht mehr in sein Konzept.
Kommentar Seite 32

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