Trauer und Tabu

17. April 2003, 20:06
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Doris Krumpl

Wien - Trauer muss die Kunst tragen, zumindest im Zentrum für Zeitgenössische Kunst der Österreichischen Galerie Belvedere. Der Ausstellungsstart in der Karwoche sitzt gut. Rituelle Trauer (und Trost) kulminiert in dieser den Christen hochheiligen Woche. Andererseits handelt es sich dabei um ein Gefühl jenseits von Religionen und Konfessionen.

Ein in der Antike mit ihren tragischen Helden oft bildlich dargestellter Ausdruck mit Schweigen, Weinen oder Schreien - wofür das Englische insgesamt das Wort "cry" parat hält. Wechselnde Gefühlszustände, die Yoshimoto Naras gar nicht herzigen Comiczeichnungen von Kindern offenbaren.

Heute gilt Trauer, obwohl tragische Helden nie aussterben, als Tabuthema in unseren Breiten, so der Ausstellungskurator Thomas Trummer. Auch die come.to/trauer-Angehörigenbetreuung im Internet vermisst gängige Formeln, "schützende Riten oder Trauerbräuche". Kollektive Trauer wie die nach 9/11 oder anlässlich von Kriegen sei bei der schon lange geplanten Gruppenschau noch nicht aktuell gewesen, betont Trummer. Wohlüberlegt hat er von vordergründigen wie pathetischen Aktionen abgesehen und anhand von sieben internationalen Künstlern quasi gleichnishafte Bilder gesucht.

Ausgangspunkt war Felix Gonzalez-Torres, der dem Komplex Trauer und Wut angesichts des langsamen Aids-Sterbens seines Freundes neue und unverbrauchte Bilder abgerungen hat. Aus den beiden Arbeiten, einer Friedhofsblumen-Fotografie und einer von der Decke hängenden Lichterkette, erschließt sich seine Arbeit nicht ganz - das ist allerdings das Los einer Gruppenausstellung.

Tragisch-makaber sind die Begleitumstände des Drei-Minuten-Videos von Bas Jan Ader, der sich ein Selbstporträt als Trauernder abringt: I'm too sad to tell you. Ader ist seit 1975 verschollen, als er in einem kleinen Boot den Atlantik überqueren wollte. Jüngere Künstler wie etwa Hans Schabus beziehen sich wieder auf dessen radikale Kunst.

Symbolische körperliche Trauerarbeit, ein Terminus technicus von Freud, leistet Paul Petritsch (mit Nicole Six) am Video, in dem er einen Kreis ins See-Eis hackt. Tragikomische Elemente wohnen Tacita Deans historischen Fotos von Unglücksfällen inne. Die Britin nimmt dabei an, es seien Schlussbilder von Filmen, graviert Szenenbeschreibungen ein. Russian Ending, der Titel der Serie, bezieht sich auf eine dänische Firma, die vor der Hollywood-Ära jeweils zwei Filmschlüsse produzierte, einen für die USA und einen, naturgemäß den tragischen, für Russland. Ein verschwommenes Bootsbild wird in Charons Fähre am Stix umgedeutet, "Exit Hades".

William Kentridge zieht in seinem artifiziellen, bei der Documenta11 gezeigten Video, das u. a. Schattenspieltechniken und Malerei vereint, lose Rückschlüsse vom habsburgischen Triest am Rande der Donaumonarchie zum Apartheid-Regime seines Heimatlandes.

Tragische Aktualität erhielt die Arbeit des Belgraders Zoran Naskovski. Er lässt zu Found-Footage-Filmschnipseln von JFKs Tod in Dallas ein gleichnamiges, 1963 auf Single erschienenes serbisches Klagelied ertönen. Parallelen in der Ikonografie der trauernden Ehegattin mit den beiden Kindern ergeben sich bei der Fotogegenüberstellung von Jackie und der Witwe des im März ermordeten serbischen Präsidenten Zoran Djindjic. "Auf Wiedersehen, serbischer Kennedy", titelte die ausgestellte Zeitung.

Trauer ist immer ein Zeichen von Verlust. Im Fall dieser Ausstellung ist sie ausnahmsweise ein Gewinn.

Bis 27. Juli

Jenseits von peinlich-pathetischen Manifestationen stellte das Zentrum Zeitgenössischer Kunst im Augarten eine Gruppenschau zum Thema Trauer zusammen. Gleichnishafte Bilder zu einem Gefühl, das hier und heute mit Tabus belegt wird.
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