Johannes Paul II. ist wieder ganz der Alte

17. April 2003, 19:02
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Als Politiker der Kriegs- und Rüstungsgegner, als Theologe stockkonservativ: Der Papst ist wieder ganz der Alte. Die USA hat er scharf kritisiert und über seinen Außenminister, den Franzosen Jean-Luis Touran, ausrichten lassen, der Irakkrieg werde neuen Terrorismus provozieren. Denn dieser sei "jenseits aller Legalität" und "eine Niederlage für die Vernunft". Selbst für den Fall eines Sieges der USA gelte das. Womit die Argumentation über Ostern hinaus Geltung hat.

Am Gründonnerstag richtet er seinen Fans jedoch aus: In den theologischen Kernfragen bleibt die Linie unverändert eindeutig. Seine 14. Enzyklika lehnt das "gemeinsame Abendmahl" von Katholiken und Protestanten ab. Und nur Priester dürften die Eucharistie zelebrieren. Damit betont der Papst, was die katholische Führung besonders in Europa seit den 60er-Jahren zu verhindern trachtet: eine "Protestantisierung" der Kirche, für die viele liberalere Theologen wie etwa Hans Küng verantwortlich gemacht wurden.

Eine "Ökumene", die zu einer "Fusionierung" der christlichen Kirchen führen würde, wünscht der Vatikan unter dem Pontifikat des mittlerweile 82-jährigen Wojtyla-Papstes nicht. Die römische Kirche beansprucht auf religiösem Gebiet, was sie der Regierung in Washington auf der weltlichen Ebene vorwirft: eine Vormachtstellung. Und sie fordert Gehorsam. Bis in die Niederungen der lokalen Kirchen. Die Angst vor einer Protestantisierung hat in Wien zur Trennung zwischen Christoph Kardinal Schönborn und seinem Generalvikar Helmut Schüller geführt. Und die österreichische Kirche insgesamt vor eine Zerreißprobe gestellt. Denn das Kirchenvolksbegehren wurde als Demokratieaufstand der katholischen Basis interpretiert. Da sei Gott vor.

Der neuen religiösen und politischen Kraft von Johannes Paul II. entspricht auch eine gesundheitliche Renaissance. Ob es ein neues Parkinson-Medikament ist oder ein Papaya-Extrakt, das ihm der französische HIV-Entdecker Luc Montagnier zugesteckt haben will - der Pontifex zeigt sich am Beginn der Osterfeierlichkeiten gut drauf. Körperlich und mental.

Unterstützt wird er von einer glaubensfesten Hierarchie aus Bischöfen und Kardinälen. Mit dem deutschen Glaubenshüter Joseph Ratzinger als Anker. Das macht Spekulationen über mögliche Nachfolger zu Marginalien. Es müssen immer neue Listen angelegt werden. Die immer wieder kolportierten "papabili" werden entweder selber krank, gehen in Pension oder segnen das Zeitliche. Der Oberhirte scheint, gestärkt durch seinen eisernen Willen, über der Zeit zu stehen. Und über seiner engsten Umgebung. Der persönliche Sekretär, Erzbischof Stanislaw Dziwisz, erlitt vor wenigen Wochen einen schweren Herzanfall. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 18.4.2003)

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