Bahamas zwischen "Boom" und "Desaster"

17. April 2003, 18:53
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Ausbleibende Touristen aus USA und Europa und die Tage als Hochburg für Fluchtkapital scheinen gezählt

"Wir sind während der Saison restlos ausgebucht, das Geschäft boomt." Sandra Eneas, Atlantis-Hotel, Paradise Island. - "Die Saison war ein Desaster. Jeder, der was anderes behauptet, lügt." Lionel Rotcage, Romora Bay Club, Harbour Island. Rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaften die Bahamas mit dem Tourismus, seit "9/11" und Irakkrieg herrscht Unruhe im Inselparadies, die Stimmung schwankt zwischen Zweckoptimismus und ungeschminkter Realitätswahrnehmung, siehe oben.

Heftiges Training

Nimmt man die Kreuzfahrer hinzu, so besuchten zuletzt 4,2 Millionen Urlauber jährlich die Florida vorgelagerte Inselgruppe. Ohne diese seien es gut 1,9 Millionen, erläutert Bahamas-Tourismusmanagerin Angela Oelschlägel im Gespräch mit dem STANDARD-davon gut 80 Prozent aus den USA, zehn aus Europa.

Was für die Bahamas spricht: Seit der Entlassung in die Unabhängigkeit vor 30 Jahren - für das Jubiläum am 10. Juli wird bereits heftig trainiert - ist diese parlamentarische Demokratie von bemerkenswerter innerer Stabilität geprägt. Der Bahama- steht zum US-Dollar unerschütterlich 1:1, der Lebensstandard ist ziemlich hoch. Und trotz Dritte-Welt-Status gewinnt man den Eindruck, mitten in der ersten zu sein: Schon am Weg vom Flugplatz auf der Insel New Providence zur Hauptstadt Nassau macht alles einen properen Eindruck, die Bauten vermitteln Wohlstand, und das setzt sich im gesamten Archipel fort.

Krisenzeiten mehren sich

Indes, auch wenn viele Hollywoodstars hier exotisch heiraten und das Land als Tauchertipp gilt: die Krisenzeichen mehren sich. Dass das Ausbleiben der Touristen den 255.000 Insulanern Sorgen macht, ist verständlich. Aber auch anderweitig brauen sich Gewitterwolken über dem Archipel zusammen, und das hat mit dem Zauberwort "Taxfree" zu tun. Dank Nullbesteuerung, und damit sind wir bei Finanzdienstleistungen, ist die Inselgruppe nämlich ein Haupthafen für weltweites Fluchtkapital. Bahamesischen Nationalbankern zufolge ankern hier gut 200 Mrd. Euro.

Steueroase Ab 500.000 Euro Mindesteinlage ist man als Privatkunde dabei, ab dann genießt man auch Daueraufenthaltsrecht. Indes: Weil die EU plant, Steueroasen wie den Bermudas und eben den Bahamas das Wasser abzugraben und auch der große Bruder USA beim Thema Geld leicht unwirsch wird, droht dem leicht anrüchigen Erfolgsmodell das Aus. Verflüchtigt sich das Fluchtkapital, wäre das kein Lercherl: Die Rede ist immerhin von gut 25 BIP-Prozent.

400 Banken - speziell aus USA, Schweiz, Kanada, GB - gibt's hier, konzentriert um den Nassau-Finanzdistrikt Shirley Street. Doch die Dichte fällt kaum auf, kaum eine Spur von den aus Österreich gewohnten Prunkbauten. Diskretion wird groß geschrieben. (DER STANDARD Print-Aussage, 18.4.2003)

Andreas Stockinger aus Nassau
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