Bestürzung in Russland nach Auftragsmord an Oppositionspolitiker

18. April 2003, 12:42
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Sergej Juschenkow war erklärter Gegner des Tschetschenien-Krieges - Putin kondoliert, Schweigeminute im Parlament

Moskau - Die Ermordung des liberalen russischen Abgeordneten Sergej Juschenkow am Donnerstag hat in Moskau Bestürzung ausgelöst. Präsident Wladimir Putin sprach in einer Erklärung des Kremls vom Mord an einem Mann, "der die Verteidigung der demokratischen Freiheit und Ideale als seine Pflicht ansah". "Russland ist von einem schrecklichen Terrorakt erschüttert worden", sagte Duma-Präsident Gennadi Selesnow in Moskau.

Scharfer Kritiker des Tschetschenien-Krieges

Nach Polizeiangaben war Juschenkow von drei Kugeln in den Rücken getroffen worden, nachdem sein Chauffeur ihn vor seiner Wohnung im Nordwesten der Hauptstadt abgesetzt hatte. Am Tatort fanden die Ermittler den Schalldämpfer einer Pistole. Ein Parteisprecherin sagte, der 52 Jahre alte Parteichef habe keine Drohungen erhalten.

Der ehemalige Philosophieprofessor war einer der führenden Liberalen Russlands, Mitglied im Geheimdienstausschuss der Staatsduma und einer der schärfsten Kritiker des Tschetschenien-Krieges und der KGB-Nachfolgeorganisation FSB. Vergangenes Jahr veröffentlichte er zusammen mit seiner Partei einen Film, in dem dem FSB eine Verwicklung in eine Serie von Bombenanschlägen in Moskau vor vier Jahren vorgeworfen wird. Bei den Anschlägen starben 300 Moskauer. Putin machte dafür tschetschenische Terroristen verantwortlich und begründete so den Krieg gegen die abtrünnige Kaukasus-Republik.

Witwe Sacharows:"Schlag gegen die Demokratie"

Putin ließ den Angehörigen des Ermordeten sein Beileid übermitteln und beauftragte Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow mit den Ermittlungen. "Das ist ein Schlag gegen die Demokratie in Russland", sagte Elena Bonner, die Witwe des früheren sowjetischen Regimekritikers Andrej Sacharow, in einem Radiointerview. Juschenkow war ein Vertrauter des beim Kreml in Ungnade gefallenen russischen Geschäftsmanns Boris Beresowski, der seit drei Jahren im Londoner Exil lebt.

Beresowski, der mit undurchsichtigen Geschäften ein Vermögen machte, hatte die Partei Liberales Russland gegründet und finanziert. Allerdings hatte die Partei große Schwierigkeiten, in Russland anerkannt zu werden, und konnte sich erst eintragen lassen, nachdem sie Beresowski ausschloss. Sie war erst wenige Stunden vor dem Mord an Juschenkow offiziell als Partei anerkannt worden. Beresowski äußerte sich in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP "entsetzt" über den Mord. Die Drahtzieher des Anschlags wollten Angst und Schrecken verbreiten, um die Menschen in Russland davon abzuhalten, sich mit der Politik in ihrem Land zu beschäftigen, sagte er in indirekter Anspielung auf Putin. Unterdessen vermutete Oleg Morosow, Abgeordneter der mit Putin loyalen Partei Vereintes Russland, Beresowksi stehe hinter dem Mord.

Juschenkow ist der zweite Politiker der liberalen Partei, der einem Attentat zum Opfer fällt. Im vergangenen Sommer war ein weiteres Gründungsmitglied der Partei Liberales Russland, der Abgeordnete Wladimir Golowlew, erschossen worden. Juschenkow mutmaßte damals, der Mord sei politisch motiviert gewesen. In den vergangenen neun Jahren wurden insgesamt neun russische Parlamentarier ermordet. Auftragsmorde an russischen Politikern, Geschäftsleuten, Bürgermeistern und Beamten der Steuerfahndung werden in den seltensten Fällen aufgeklärt.(APA/AFP/AP)

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    Sergej Juschenkow (Archivbild) wurde am Donnerstag in Moskau erschossen. Er galt als Vertrauter des beim Kreml in Ungnade gefallenen russischen Geschäftsmanns Boris Beresowski, der seit drei Jahren im Exil lebt.

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