Billiger Saddam

18. April 2003, 08:59
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Das Kopfgeld für Osama Bin Laden beträgt 25 Millionen Dollar - Der irakische Ex-Diktator ist den USA nur 200.000 wert - Von Gudrun Harrer

Trotz so viel Schrecken und Leid im Irak - das auch nicht durch die Tatsache aufgehoben wird, dass es noch viel, viel schlimmer hätte kommen können - darf man sich auch wieder einmal der abstrusen Seiten der Geschichte annehmen. Die USA haben also ein Kopfgeld auf Saddam Hussein ausgesetzt: 200.000 US-Dollar ist ihnen die Ergreifung wert. Das ist der ultimative Tort, den die Amerikaner einem der schrecklichsten Diktatoren des 20. (und hoffentlich der schlimmste des 21.) Jahrhunderts antun: So wenig! So billig ist Saddam! Da geht einer doch gleich in die Millionenshow ...

Zum Vergleich: 250.000 waren auf den - von der israelischen Staatsanwaltschaft für harmlos erklärten - Abu Abbas ausgesetzt, den US-Truppen am Dienstag in Bagdad fassten. Der einzige aktuelle, Saddam vergleichbare Bösewicht, Osama Bin Laden, steht mit 25 Mio. Dollar im Kurs. Die Geschmacklosigkeit, auszurechnen, wie viel ein Opfer Bin Ladens und wie viel eines Saddams - dem, inklusive Kriegsgefallenen, über zwei Millionen Tote angelastet werden - wert ist, begehen wir jetzt nicht.

Unterschiedliche Schlüsse könnte man aus dem US-Geiz, Saddam betreffend, ziehen. Erstens, dass man aus der Osama- Blamage gelernt hat: Die USA wollen gar nicht zeigen, wie wichtig es ihnen wäre, ihn zu fassen. Zweitens könnte die Vermutung dahinter stecken, dass ein entmachteter Saddam Hussein, anders als Osama Bin Laden, nur wenig Unterstützung findet: Ein umgedrehter Baath-Parteifuzzi, der nichts mehr zu erwarten hat, gibt es billiger als ein gestandener Islamist, der mit Entgelt im Paradies rechnet.

Am wahrscheinlichsten ist aber die dritte Erklärung: Die USA sind sich beinahe sicher, dass Saddam tot ist. Der Kriegsverlauf nach dem 7. April - der Zusammenbruch des Regimes buchstäblich über Nacht - weist ja tatsächlich darauf hin. Die Frage nach der Ergreifung Saddams wäre dann eine rein theoretische. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.4.2003)

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