Das ganze Leben ist Bühne

18. April 2003, 14:17
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Schauspiel ist nicht nur etwas für KünstlerInnen: In Job und Alltag angewendet, bringen Coachings, Workshops und Trainings mit Methoden aus dem Theater oft beachtliche Vorteile - dem Unternehmen wie der eigenen Persönlichkeit.

Auf der Bühne ein Sessel, ein Schreibtisch, ein Mann, der telefoniert. "Haben Sie auch gleich ein Mitarbeitergespräch?", fragt ein anderer im Publikum seine Sitznachbarin - steht auf, betritt die Bühne und beginnt eine Szene zwischen Chef und Angestelltem.

Theatermethoden in Trainings und Coaching einfließen zu lassen ist in Österreich noch relativ neu. "Dabei ist die Idee, diese Methoden auch für den Alltag einzusetzen, schon sehr alt - die Menschen haben immer schon gerne gespielt", sagt Kosilo alias Walter Kosar, Gründer von "The Company Stage", die professionelle Theaterarbeit für die Wirtschaft anbietet.

In Workshops mit dem Titel "Spielend leben" zum Beispiel möchte er die schauspielerischen Methoden für jeden zugänglich machen: "Durch Improvisationen, szenische wie Atemübungen und Körperarbeit trainieren die Teilnehmer unter anderem selbstsicheres Auftreten, sie lernen spielerisch, sich in Gesprächen besser zu konzentrieren, beim Vortragen richtig zu atmen und die Panik vor den ,kleinen Vampiren' im Gehirn abzubauen, die ihnen einreden, dass sie jeden Moment einen Fehler machen werden."

Optimal fürs Berufsleben

Schauspielerische Methoden für Auftritt, Präsentation und Abgang auf und von der Bühne ließen sich optimal im Berufsleben umsetzen, bestätigt Oliver Prevrhal, Workshop-Teilnehmer und Großkundenbetreuer im Printing-Solutions-Bereich: "Ich fühle mich sicherer, wenn ich in ein Gespräch gehe oder Meetings moderiere und eine Botschaft rüberbringen muss, weil ich ,Haltegriffe' habe." Und die Alpine Mayreder Bau GmbH bietet firmenintern Schauspiel-Workshops mit Profis zum Training von Mitarbeiter-gesprächen an: "Beim Zusehen kann man Fehler, die man macht, viel besser entdecken, und Wesentliches bleibt viel länger im Gedächtnis", so Alpine-Personalentwickler Michael Pichler.

Auch Prozesse in großen Betrieben können durch Schauspiel bildhafter beschrieben werden als durch andere Kommunikationsmittel: Im Unternehmens- oder Business- theater stellen professionelle Schauspieler Belegschaft und Führungskräften die innerbetriebliche Realität dar. Kritische Botschaften aus dem Firmenalltag werden auf der Bühne verständlich transportiert, Unaussprechliches wird ausgesprochen. Teilweise werden die Mitarbeiter auch in das Spiel eingebunden, anschließend an die Performance gibt es Nachgespräche mit Personalentwicklern und Coaches.

Theatrale Transparenz

"Die Stücke werden extra für das jeweilige Unternehmen geschrieben und bieten die Chance, das Unternehmen für die Mitarbeiter transparenter zu machen", sagt Kosilo, einer der zwei Anbieter in Österreich. Der andere, Wolfgang Kainz, Gründer von BusinessTheaterWien, vergleicht es mit einer Maßschneiderei: "Man braucht die Schultergröße, Beinlänge, Hüftbreite, um einen perfekt sitzenden Anzug zu machen - mit Unternehmenstheater kann man Maß nehmen, was die Konfektion des Betriebs ist."

Mittlerweile bieten auch einige Trainer Einzelcoachings in Verbindung mit Theatermethoden an. Robert Castellitz, Coach und Schauspiellehrer, zum Beispiel versucht damit körperliche Blockaden zu lösen, die freies Auftreten und dadurch in Folge oft berufliches Weiterkommen behindern. "Wenn Klienten et- wa während des Sprechens Gegenstände im Raum einbauen müssen, beschäftigen sie sich mit dem Körper statt nur mit dem Kopf - sie machen dadurch mehr Pausen, sprechen langsamer, und der Vortrag wird lebendiger." Witzige Geschichten zu erfinden helfe, spontan zu sein; mit dem Durchspielen eines bevor- stehenden Gesprächs kann Druck genommen werden.

Natürlich reagierten gerade Manager oder Führungskräfte anfangs oft skeptisch auf die Kombination Schauspiel/ Wirtschaft, weiß Castellitz, aber: "Es reizt sie auch sehr, weil es einmal etwas ganz anderes ist - und sie merken meist schon bald, dass die Arbeit mehr Spaß macht und manches einfacher geht." (Isabella Lechner, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2003)

  • Freies Sprechen, sicheres Auftreten, Loslassen-Können und Spontaneität sind schauspielerisch trainierbar
    foto: c. wirl

    Freies Sprechen, sicheres Auftreten, Loslassen-Können und Spontaneität sind schauspielerisch trainierbar

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