Prozessbeginn um getöteten Globalisierungsgegner in Rom

17. April 2003, 15:23
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Verteidiger des Polizisten plädieren auf Notwehr - Familie des Opfers bestreitet Darstellung des Täters

Rom - In Genua hat am Donnerstag der Prozess um den Tod des 23-jährigen Globalisierungsgegners Carlo Giuliani begonnen, der am 20. Juli 2001 bei schweren Krawallen am Rande des G-8-Gipfels in der norditalienischen Hafenstadt von einem Polizisten erschossen wurde. Er hatte mit anderen vermummten Demonstranten mit einem Feuerlöscher in der Hand ein Polizeiauto gestürmt und war dabei getötet worden. Angeklagt ist der 22-Jährige Carabiniere Mario Placanica, der die tödlichen Schüsse auf Giuliani abgab.

Verteidiger plädieren auf Notwehr

Im Gerichtssaal wurde Placanica von seinen beiden Rechtsanwälten vertreten. Sie behaupten, dass der Polizist aus reiner Notwehr gehandelt habe. Die Familienangehörigen des Opfers bestreiten jedoch diese Version. Der Mörder Giulianis habe mit Absicht das Feuer auf den Demonstranten eröffnet, ohne vorerst in die Luft zu schießen wie die Vorschriften es vorsehen. Laut Rechtsanwalt Giuliano Pisapia hat sich das Opfer nicht so bedrohlich verhalten, um den tödlichen Schuss in den Kopf zu rechtfertigen.

Arzt: Polizist geriet in Panik

Pisapia widersprach der Arzt, der in einem Gutachten feststellten sollte, in welchem psychischen Zustand sich Placanica während der Situation befand. Der Arzt erklärte, dass der Carabiniere beim Angriff in Panik geraten war. "Er war überzeugt, dass er sterben würde", berichtete der Arzt.

Placanica, der weiterhin als Polizist tätig ist, hatte Giulianis Eltern um Verzeihung für seine Tat gebeten. Die Polizei war wegen angeblicher Brutalität am Rande des G-8-Gipfels stark unter Druck geraten, hatte jedoch stets von der Regierung Berlusconi Rückendeckung erhalten. Die Polizei habe korrekt gehandelt, um das Eindringen der Globalisierungsgegner in das Gelände, in dem der G-8-Gipfel im Gange war, zu vermeiden. (APA)

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    DemonstrantInnen in Genua gedachten im Juli 2002 dem ersten Todestag von Carlo Giuliani

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