+++PRO&CONTRA---Blau machen

20. April 2003, 14:16
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Lass es, sagt A. Manche Dinge könne man nicht beschreiben, sondern nur tun. Blaumachen, meint A., gehöre da dazu. Definitiv.

+++PRO
von Thomas Rottenberg

Lass es, sagt A. Manche Dinge könne man nicht beschreiben, sondern nur tun. Blaumachen, meint A., gehöre da dazu. Definitiv. Schließlich, meint A., hätten auch Leserin und Leser Bedürfnisse. Lass ihre Augen beim Lesen blau machen, meint A., und sie werden verstehen. Erklär es, und sie kriegen Kopfweh.

Darum müsse dieser Text so aussehen:







(Hier steht nichts. Genießen Sie es.)









(Ihre Augen haben diese Pause verdient.)









(Sie könnten in der Zwischenzeit auch was zeichnen.)








(Ja, einfach irgendwas. )







(Genau so. Sie haben es kapiert.)

Und so weiter. Formale oder gar buchhalterische (wie zählt man Zeilen, die nicht da sind?) Einwände, meint A., wären bloß Zeichen meiner Abschalt-Unfähigkeit. Deswegen, sagt sie, hätte ich jetzt noch zehn Sekunden Zeit, diesen Text zu beenden. Dann werde sie den Stecker ziehen. Damit ich lerne, wie das geht. Das Blaumachen.

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--- CONTRA
von Daniel Glattauer

Es ist die Frage, wo man hinkommen will im Leben. Nein, das ist leider nicht die Frage. Die Frage ist, wo man letztendlich hinkommt. Denn wo ein Wille ist, ist noch lange nicht das Ziel. Aber egal. Ich gebe schon zu, dass es verlockend ist, ab und zu "blau" zu machen, so ein-, zweimal im Jahr, nicht öfter, sonst wird auch das noch zur Routine. Wer blau macht, macht sich in liebevoll masochistischer Weise darüber lustig, was aus ihm geworden ist, wo er hingekommen ist im Leben. Die blauen Tage sind selbst verpasste Denkzettel, wie leicht man auf alles verzichten kann, wenn man es einfach tut, und wie gut es tut.

Man erkennt diese Tage zumeist schon am Morgengeruch, am übertriebenen Befehlston des Weckers, an der Blockade im Kleiderschrank, am Aufschrei des Terminkalenders. Da bildet sich dieses trotzige "Nein" im Kopf. Von links hinten baut es sich nach rechts vorne auf, und über die Schultern hinweg gelangt es in die Hände, welche erst einmal die Bettdecke übers Gesicht ziehen und unter den Polster kriechen. - "Nein." "Heute nicht." "Nicht mit mir." "Sucht euch einen anderen." (Oder: "Findet mich erst morgen wieder.") Das sind die Tage, an denen es ab Mittag keine Kaufhausparkplätze mehr gibt, an denen die Waschstraßen verstopft, die Videogeschäfte voll und die Radwege überlastet sind. Alltagsrebellen pflegen das Stadtbild und entdecken die Landschaft. Alle machen blau. Alle gleichzeitig.

Herrlich, an solchen Tagen ins Büro zu gehen. Um sich den Rest des Jahres frei zu nehmen.(Der Standard/rondo/18/04/2003)

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