"Querverbindungen zum Waffen/Drogenhandel" - Resolution für Kaufverbot
Paris - Für den Kampf gegen die weitere Zerstörung der
irakischen Kunstschätze hat die UNESCO die Gründung einer eigenen
Polizei-Einheit gefordert. Der Generaldirektor der
UN-Kulturorganisation, Koichiro Matsuura, beklagte am Donnerstag bei
einer Expertentagung in Paris die "tragische Zerstörung" irakischer
Kulturgüter in den Kriegswochen und schlug vor, dagegen eine "Polizei
für das Kulturerbe" einzusetzen. Angesichts der Plünderungen in
Bagdad und Mossul und des Brandes in der irakischen
Nationalbibliothek leitete Matsuura eine Serie von Sofortmaßnahmen
ein.
Handelsverbot gefordert
Die UNESCO will eine UN-Resolution vorschlagen, um den Erwerb
irakischer Kulturgüter vorerst zu verbieten und damit die Nachfrage
nach den gestohlenen Kunstschätzen zu drosseln. Darüber hinaus sollen
Experten schnellstmöglich nach Irak reisen, um ein Inventar der
Verluste zu erstellen. Matsuura richtete einen Sonderfonds für das
irakische Kulturerbe ein, der die Spenden für die Rettung des
Kulturerbes verwaltet. Italien habe dafür bereits 400.000 Dollar
zur Verfügung gestellt, sagte der UNESCO-Chef. Weitere
Spenden kamen von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und
Ägypten.
"Querverbindungen zum Waffen- und
Drogenhandel"
"Wenn das Ölministerium geschützt wird, das Archäologische Museum
aber nicht, zeigt das die Haltung der Koalition zum kulturellen
Erbe", bemerkte der britische Archäologe Alex Hunt. Die UNESCO verweist auf die
Haager Konvention von 1954, die Kriegsparteien unabhängig von Ursache
und Verlauf einer bewaffneten Auseinandersetzung zum Schutz des
Kulturerbes verpflichtet. Ausgerechnet von den USA und Großbritannien
wurde die Konvention jedoch nicht unterzeichnet.
Nur ein Teil der Verwüstung kann auf pure Lust am Zerstören oder
Wutausbrüche gegen die gestürzte irakische Führung zurückgeführt
werden. Die meisten Plünderer im Nationalmuseum von Bagdad seien
offenbar "arm und ungebildet" gewesen, sagt der irakische Archäologe
Musein Kasum. Dazwischen habe es aber "auffallend gut gekleidete"
Leute gegeben, die "Anweisungen erteilten". Sie hätten genau gewusst,
wonach sie suchten. Schon nach dem Golfkrieg vor zwölf Jahren
gelangte ein Teil der 4000 Gegenstände, die damals aus Irak
verschwanden, auf die Märkte in Europa. Die Kulturgüter kamen über
Jordanien, Israel und die Schweiz nach Paris, London und New York.
Für Hunt ist es erwiesen, dass "Querverbindungen zum Waffen- und
Drogenhandel bestehen".
Hoffen auf Inventar
Zu den Plünderungen sagte der amerikanische Irak-Spezialist
McGuire Gibson von der Universität Chicago, dass möglicherweise eine
ganze Sammlung sumerischer Tontafeln mit Bilderschrift verloren
gegangen sei. Nach Angabe eines irakischen Experten wurde auch die
"Harfe von Ur" gestohlen, ein 4000 Jahre altes Objekt aus Silber,
dazu Bronze-Statuetten aus der akkadischen Epoche. Man verwies auf
Angaben irakischer Beamter, nach denen die wertvollsten Stücke des
Nationalmuseums bereits vor Ausbruch des Krieges vom Regime Saddam
Husseins in Sicherheit gebracht worden seien.
Die Plünderungen seien höchstwahrscheinlich von Professionellen
organisiert worden, sagte Gibson. "Sie wussten, was sie wollten, sie
hatten Schlüssel und haben nur Originale mitgenommen". Es handele
sich vermutlich um Plünderer aus dem Ausland, da die Iraker selbst
kaum in der Lage seien, den Transport der Objekte außer Landes zu
organisieren. Daneben hätten sich auch "zornige Jugendliche und
einfache Leute" an den Diebstählen beteiligt.
Zur Frage eines Inventars gestohlener Objekte, um eine "schwarze
Liste" zu erstellen, äußerte sich Gibson optimistisch. Das
Nationalmuseum in Bagdad habe ein sehr gutes eigenes Inventar. "Wenn
das nicht gestohlen oder zerstört wurde, wird das die Arbeit sehr
erleichtern", meinte der Experte.
Sicherheitsmaßnahmen mit Verspätung
Die Kulturexperten zeigten sich entsetzt über das Ausmaß der
Zerstörungen und Plünderungen der vergangenen Wochen. Angesichts der
Kritik an den Einheiten der Kriegskoalition, die die Kulturstätten im
Gegensatz etwa zum Erdölministerium in Bagdad nicht geschützt hatten,
sagte Matsuura, er habe die Regierungen in London und Washington
aufgefordert, sofort Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die
schwersten Plünderungen waren in der vergangenen Woche registriert
worden. Inzwischen wurden die Sicherheitsmaßnahmen an einigen
irakischen Kulturstätten verstärkt.
Nach den Plünderungen im irakischen
Nationalmuseum und der Nationalbibliothek des Landes stehen beide
Gebäude jetzt (reichlich spät, Anm.) unter bewaffnetem Schutz. Auf dem Museumsgelände
standen am Donnerstag US-Panzer, während amerikanische Soldaten
Zivilisten den Zutritt versperrten. "Es sind 25 Arbeiter dabei, in
den kommenden Tagen die Schäden festzustellen", sagte ein US-Offizier
in Bagdad.
An dem Pariser Treffen nahmen 30 Experten teil, darunter auch die
Irak-Spezialistin der Universität Innsbruck, Helga Trenkwalder, die
irakische Archäologin Salma El Radi von der Universität New York und
der Direktor der archäologischen Missionen der USA in Irak, McGuire
Gibson, sowie der langjährige Vorstand des Instituts für
Vorderasiatische Archäologie der Universität München, Barthel Hrouda.
Die UNESCO hatte sich bereits nach den Kriegen in Kambodscha, auf dem
Balkan und in Afghanistan um die Erhaltung des Kulturerbes gekümmert.
Derzeit steht Hatra als einzige irakische Kulturstätte auf der
UNESCO-Welterbe-Liste. Für sieben andere Stätten - darunter Assur,
Nimrud, Ninive und Ur - ist die Aufnahme beantragt.
(APA/AP/dpa)