UNESCO fordert "Polizei für das Kulturerbe"

Redaktion, 17. April 2003, 19:56

"Querverbindungen zum Waffen/Drogenhandel" - Resolution für Kaufverbot

Paris - Für den Kampf gegen die weitere Zerstörung der irakischen Kunstschätze hat die UNESCO die Gründung einer eigenen Polizei-Einheit gefordert. Der Generaldirektor der UN-Kulturorganisation, Koichiro Matsuura, beklagte am Donnerstag bei einer Expertentagung in Paris die "tragische Zerstörung" irakischer Kulturgüter in den Kriegswochen und schlug vor, dagegen eine "Polizei für das Kulturerbe" einzusetzen. Angesichts der Plünderungen in Bagdad und Mossul und des Brandes in der irakischen Nationalbibliothek leitete Matsuura eine Serie von Sofortmaßnahmen ein.

Handelsverbot gefordert

Die UNESCO will eine UN-Resolution vorschlagen, um den Erwerb irakischer Kulturgüter vorerst zu verbieten und damit die Nachfrage nach den gestohlenen Kunstschätzen zu drosseln. Darüber hinaus sollen Experten schnellstmöglich nach Irak reisen, um ein Inventar der Verluste zu erstellen. Matsuura richtete einen Sonderfonds für das irakische Kulturerbe ein, der die Spenden für die Rettung des Kulturerbes verwaltet. Italien habe dafür bereits 400.000 Dollar zur Verfügung gestellt, sagte der UNESCO-Chef. Weitere Spenden kamen von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Ägypten.

"Querverbindungen zum Waffen- und Drogenhandel"

"Wenn das Ölministerium geschützt wird, das Archäologische Museum aber nicht, zeigt das die Haltung der Koalition zum kulturellen Erbe", bemerkte der britische Archäologe Alex Hunt. Die UNESCO verweist auf die Haager Konvention von 1954, die Kriegsparteien unabhängig von Ursache und Verlauf einer bewaffneten Auseinandersetzung zum Schutz des Kulturerbes verpflichtet. Ausgerechnet von den USA und Großbritannien wurde die Konvention jedoch nicht unterzeichnet.

Nur ein Teil der Verwüstung kann auf pure Lust am Zerstören oder Wutausbrüche gegen die gestürzte irakische Führung zurückgeführt werden. Die meisten Plünderer im Nationalmuseum von Bagdad seien offenbar "arm und ungebildet" gewesen, sagt der irakische Archäologe Musein Kasum. Dazwischen habe es aber "auffallend gut gekleidete" Leute gegeben, die "Anweisungen erteilten". Sie hätten genau gewusst, wonach sie suchten. Schon nach dem Golfkrieg vor zwölf Jahren gelangte ein Teil der 4000 Gegenstände, die damals aus Irak verschwanden, auf die Märkte in Europa. Die Kulturgüter kamen über Jordanien, Israel und die Schweiz nach Paris, London und New York. Für Hunt ist es erwiesen, dass "Querverbindungen zum Waffen- und Drogenhandel bestehen".

Hoffen auf Inventar

Zu den Plünderungen sagte der amerikanische Irak-Spezialist McGuire Gibson von der Universität Chicago, dass möglicherweise eine ganze Sammlung sumerischer Tontafeln mit Bilderschrift verloren gegangen sei. Nach Angabe eines irakischen Experten wurde auch die "Harfe von Ur" gestohlen, ein 4000 Jahre altes Objekt aus Silber, dazu Bronze-Statuetten aus der akkadischen Epoche. Man verwies auf Angaben irakischer Beamter, nach denen die wertvollsten Stücke des Nationalmuseums bereits vor Ausbruch des Krieges vom Regime Saddam Husseins in Sicherheit gebracht worden seien.

Die Plünderungen seien höchstwahrscheinlich von Professionellen organisiert worden, sagte Gibson. "Sie wussten, was sie wollten, sie hatten Schlüssel und haben nur Originale mitgenommen". Es handele sich vermutlich um Plünderer aus dem Ausland, da die Iraker selbst kaum in der Lage seien, den Transport der Objekte außer Landes zu organisieren. Daneben hätten sich auch "zornige Jugendliche und einfache Leute" an den Diebstählen beteiligt.

Zur Frage eines Inventars gestohlener Objekte, um eine "schwarze Liste" zu erstellen, äußerte sich Gibson optimistisch. Das Nationalmuseum in Bagdad habe ein sehr gutes eigenes Inventar. "Wenn das nicht gestohlen oder zerstört wurde, wird das die Arbeit sehr erleichtern", meinte der Experte.

Sicherheitsmaßnahmen mit Verspätung

Die Kulturexperten zeigten sich entsetzt über das Ausmaß der Zerstörungen und Plünderungen der vergangenen Wochen. Angesichts der Kritik an den Einheiten der Kriegskoalition, die die Kulturstätten im Gegensatz etwa zum Erdölministerium in Bagdad nicht geschützt hatten, sagte Matsuura, er habe die Regierungen in London und Washington aufgefordert, sofort Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die schwersten Plünderungen waren in der vergangenen Woche registriert worden. Inzwischen wurden die Sicherheitsmaßnahmen an einigen irakischen Kulturstätten verstärkt.

Nach den Plünderungen im irakischen Nationalmuseum und der Nationalbibliothek des Landes stehen beide Gebäude jetzt (reichlich spät, Anm.) unter bewaffnetem Schutz. Auf dem Museumsgelände standen am Donnerstag US-Panzer, während amerikanische Soldaten Zivilisten den Zutritt versperrten. "Es sind 25 Arbeiter dabei, in den kommenden Tagen die Schäden festzustellen", sagte ein US-Offizier in Bagdad.

An dem Pariser Treffen nahmen 30 Experten teil, darunter auch die Irak-Spezialistin der Universität Innsbruck, Helga Trenkwalder, die irakische Archäologin Salma El Radi von der Universität New York und der Direktor der archäologischen Missionen der USA in Irak, McGuire Gibson, sowie der langjährige Vorstand des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der Universität München, Barthel Hrouda. Die UNESCO hatte sich bereits nach den Kriegen in Kambodscha, auf dem Balkan und in Afghanistan um die Erhaltung des Kulturerbes gekümmert. Derzeit steht Hatra als einzige irakische Kulturstätte auf der UNESCO-Welterbe-Liste. Für sieben andere Stätten - darunter Assur, Nimrud, Ninive und Ur - ist die Aufnahme beantragt. (APA/AP/dpa)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.