Pressestimmen: "Neue EU erinnert an alte UdSSR"

17. April 2003, 12:37
9 Postings

Moskauer Zeitung: "Masse statt Klasse" - "Nepszabadsag": Athener "Friedensvertrag" beendet Kriege in Europa

Moskau - Die russische Tageszeitung "Kommersant" (Moskau) kritisiert die bevorstehende Aufnahme von zehn Ländern in die Europäische Union. Die Zeitung schreibt am Donnerstag:

"Die Erweiterung der EU wird derzeit als das wichtigste Ereignis in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg angepriesen. Nach dem Beitritt der zehn Länder umfasst die EU-Bevölkerung 450 Millionen Menschen. Die neue Union wächst zum größten Markt der Welt heran, wenn man China und Indien außer Betracht lässt. Endlich, so scheint es, gibt es ein staatenähnliches Gebilde, das den USA Konkurrenz macht.

Wenn man sich aber die Zusammensetzung der EU anschaut, ist ein deutliches Gegengewicht zur Weltmacht kaum erkennbar. Vielmehr scheint man in Europa eine neue Staatengemeinschaft nach dem Vorbild der Sowjetunion aufzubauen. Damals hatte man als Aufnahmekriterium auch mehr auf Masse statt auf Klasse geachtet."

"Nepszabadsag"

Die ungarische linksliberale Tageszeitung "Nepszabadsag" begrüßt am Donnerstag die Unterzeichnung der EU-Beitrittsverträge in Athen:

"Die Heimat ist nach einem halben Jahrtausend erstmals im Hauptstrom des Fortschrittes. Und sie treibt nicht zwangsweise dahin, sondern erhält auch Anteil an der Lenkung dies Fortschrittes. Zwar keine Wiedergutmachung - diese steht niemandem zu -, aber doch eine vollkommene Genugtuung erhielten gestern alle unsere gescheiterten Revolutionen und Freiheitskämpfe von der Geschichte. (...) Mit dem Athener Friedensvertrag - denn er ist ein solcher - beendet Europa endgültig die Kriege von eineinhalb Jahrtausenden, setzt die früheren Diktate außer Kraft und gießt jenes politische, juristische, wirtschaftliche und Wertesystem in Gesetze, das verhindert, dass neue Kriege und Diktate folgen.

(...) Die Erweiterung der Union geht mit weiterer Umgestaltung einher, wobei großer Bedarf nach Selbstheilung besteht. Nicht nur, weil die EU die beste aller bestehenden Welten sein möchte. Sondern auch deshalb, weil der Beitritt der zehn, dann noch zwei neuen Mitglieder auch die inneren Verhältnisse verändert. Die zehn Neuen können beispielsweise die sechs Gründungsmitglieder im legislativen Ministerrat überstimmen. (...) Die deutsch-französische Achse kann keinen einzigen Beschluss verabschieden, wenn sich auch nur die Hälfte der Neuen an die Seite des britisch-spanisch-italienischen Blockes stellt. Ja, in Europa beginnt eine neue Geschichte. Doch hier lautet gerade der erste Befehl, dass es in Zukunft keinerlei ständige Achsen oder Blöcke mehr geben sollte." (APA/dpa)

Share if you care.