Ungarn: AKW - Zwischenfall ernster als angenommen

17. April 2003, 21:29
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Weiterhin Gasaustritt durch Leck in Ummantelung der Brennstäbe - Paks liegt 200 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt

Offenbar keine akute Gefahr durch Zwischenfall in AKW Paks - AM Keine Erhöhte Strahlung gemessen - Greenpeace befürchtet Verstrahlung von Mitarbeitern

Paks/Wien (APA) - Nach dem Zwischenfall im ungarischen Atomkraftwerk Paks droht offenbar keine akute Gefahr für die Umwelt. Die Umweltschutzorganisation Global 2000 hat bei Messungen an Ort und Stelle am Donnerstag "keine akute gefährliche Strahlung" festgestellt. Greenpeace-Experten befürchten jedoch, dass Kraftwerksmitarbeiter verstrahlt worden sein könnten. Laut österreichischem Umweltministerium besteht für Österreich keine Gefahr.

Der Zwischenfall, der sich in der Nacht von 10. auf 11. April in Paks ereignete, war offenbar ernster als ursprünglich angenommen. Die Einstufung des Vorfalls wurde von der Gefahrenstufe zwei auf drei (von insgesamt sieben) erhöht. Die Ummantelung der während der laufenden Wartungsarbeiten in einem Reinigungssystem zwischengelagerten Brennstäbe, aus denen bis zuletzt radioaktives Gas austrat, sei in größerem Ausmaß beschädigt, teilte die Leitung des AKW mit.

Gleichzeitig betonte die Leitung des AKW, dass das Ausmaß des Gasaustritts in den vergangenen Tagen abgenommen habe. Es trete zwar weiterhin durch die Kamine des AKW aus, doch habe sich zuletzt die radioaktive Strahlung in der Umgebung nicht erhöht. Auch das ungarische Wirtschaftsministerium, die ungarische Atomenergiebehörde und der Katastrophenschutz betonten laut ungarische Nachrichtenagentur MTI am Donnerstag, dass die Messergebnisse in der Umgebung keine weiteren Zivilschutzmaßnahmen notwendig machten. Die Bevölkerung sei in Sicherheit.

Der Atomsprecher der Umweltorganisation "Greenpeace", Erwin Mayer, meinte jedoch gegenüber der APA, Mitarbeiter des AKW könnten verstrahlt worden sein. Die Belegschaft des betroffenen Reaktorblocks sei aufgefordert worden, sich zu waschen, die Kleidung zu wechseln und zu Hause zu bleiben.

Da Paks ein Containment besitze, dürften nach Einschätzung Mayers die radioaktiven Gase wie Cäsium innerhalb des Reaktorgebäudes verblieben und nicht in die Umgebung gelangt sein. Die Heraufstufung des Zwischenfalls auf Gefahrenstufe drei bedeute, dass der Fehler noch nicht gefunden und das Problem daher noch nicht unter Kontrolle gebracht worden sei.

Als zuständige Strahlenschutzbehörde gab das Umweltministerium bekannt, dass keine Belastung Österreichs durch die radioaktiven Freisetzungen in der ungarischen Kernkraftwerks-Anlage zu erwarten sei. Dies hätten auch die Messungen des österreichischen Strahlenfrühwarnsystems ergeben. Nach offiziellen Angaben der ungarischen Behörden erfordere das "geringfügige Ausmaß der Freisetzung" auch keine Maßnahmen in der unmittelbaren Umgebung der Anlage in Paks.

AKW-Ingenieure meinten, heißer Dampf und nicht adäquate Kühlung der Reaktorbrennstäbe hätten zu einer Überhitzung und Verformung fast aller 30 Ummantelungsbehälter der Brennstäbe geführt.

Registriert an Strahlungswerten bei Peks wurden etwa 90 bis 130 Nanosievert, was etwa einer natürlichen Hintergrundstrahlung entspreche, sagte Global 2000-Atomexperte Thorben Becker am Abend gegenüber der APA. Da die Organisation keine Vergleichswerte habe - möglicherweise sei die gemessene "natürliche Strahlung" im Umfeld des Kraftwerks üblicherweise geringer -, wird Global 2000 noch Bodenproben nehmen, so Becker. Diese sollen in Wien eingehend untersucht werden.

Das Atomkraftwerk Paks liegt 200 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt in Zentralungarn an der Donau. Dies ist offenbar der schwerstwiegende Zwischenfall im Kraftwerk seit dessen Inbetriebnahme im Jahr 1976. Vier Reaktoren der ursprünglich sowjetischen Bauart WWER-440-213 produzieren mehr als 40 Prozent der elektrischen Energie Ungarns. Paks ist das erste osteuropäische AKW, das eine umfassende Sicherheitsüberprüfung nach den Empfehlungen der IAEO durchgeführt hat.

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