Pressestimmen: USA machen sich zu Herren einer unipolaren Welt

17. April 2003, 10:15
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Militärischer Sieg in Bagdad bedeutet noch nicht politischen Fortschritt für den Nahen Osten

Washington/Paris/New York - Die Schwierigkeiten bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung im Irak, die Auswirkungen des Krieges in der gesamten Nahost-Region, die künftigen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern und der Druck der USA auf Syrien stehen am Donnerstag im Vordergrund zahlreicher Pressekommentare.

"Washington Post"

"Amerika ist daran interessiert, dass andere Länder und multinationale Organisationen dabei helfen, die Übergangsphase im Irak zu betreuen und die Regierung baldmöglichst an die Irakis zu übertragen. Aber das ist ein Balanceakt. Die Verantwortlichen werden der Versuchung widerstehen müssen, Befugnisse an Angehörige der Baath-Partei zu übergeben, die zwar kompetent, aber durch ihre Mitarbeit mit einem brutalen Regime diskreditiert sind. Man wird Verbündete suchen müssen, ohne die Kontrolle über Hauptziele abzugeben. Dazu gehört sicherzustellen, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen besitzt und keine Bedrohung für seine Nachbarn darstellt."

"The New York Times":

"Die Vereinigten Staaten drängen Israel jetzt zu einer Erleichterung der Lebensumstände der Palästinenser. Israel solle seine Truppen aus palästinensischen Städten abziehen, Reisebeschränkungen aufheben, rechtmäßige Steuern schneller an die Palästinenserbehörde abführen und bei der Einrichtung einer neuen palästinensischen Verwaltung helfen. Washington rechnet aber nicht damit, dass die Forderungen hundertprozentig erfüllt würden. Zweck der amerikanischen Initiative ist es, den designierten palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas zu stärken."

"The Independent" (London)

"Die US-Streitkräfte im Irak sind selber schuld, dass sie nun etwas dümmlich dastehen, weil sie die Festnahme des palästinensischen Extremisten Abu Abbas als so fantastischen Erfolg hingestellt haben. Seine Anwesenheit in Bagdad war kein Geheimnis, und kaum jemand betrachtet ihn heute noch als große Bedrohung. Seine Festnahme ist weder ein großer Coup im Krieg gegen den Terror noch ein Beweis für Verbindungen von Saddam Hussein zum Terrorismus. Dass eine alternde Figur wie Abu Abbas 17 Jahre lang in Bagdad gewohnt hat, beweist überhaupt nichts. Gleichwohl ist er ein mörderischer Terrorist, und deshalb sollte er nach Italien ausgeliefert werden, um dort seine Strafe zu verbüßen."

"Liberation" (Paris)

"Bush sollte die Kosten und die Risiken der Nachkriegszeit im Irak auf mehrere Rücken verteilen - also sollte er zu den Vereinten Nationen zurückkehren, damit sie die Umwandlung des Regimes im Irak vollziehen. In Athen hat (Präsident) Jacques Chirac seine Konversion zu der sehr amerikanischen Tugend des 'Pragmatismus' bekannt und deutliche Anstrengungen unternommen, um die anderen Europäer, angefangen bei Tony Blair und durch ihn George W. Bush, zu überzeugen. Seine Botschaft war, dass Frankreich nicht die Vereinten Nationen für eine Kampagne gegen die Hegemonie der Amerikaner mobilisieren will. Chirac geht es darum, dass die UNO eine Rolle spielt, und das so schnell wie möglich."

"L'Humanite'" (Paris)

"Die britisch-amerikanischen Militärkräfte haben bereits klare Perspektiven über die Verwendung des schwarzen Goldes. Sie haben Plünderungen von Kulturschätzen und Krankenhäusern zugelassen, doch sie haben kurz nach der Einnahme Bagdads Truppen zum Schutz des Erdölministeriums abgestellt. Bevor sie die Wasserversorgung wiederherstellten, haben sie eine Erdölleitung vom Irak nach Syrien unterbrochen. Die Erdöllager waren gefüllt, unterbrochen wurden die Lieferungen in die Türkei. Wem werden die Einnahmen aus dem Verkauf dieser mehreren hundert tausend Barrel zufließen? Vermutlich werden auf dem Rücken der Irakis die Zerstörungen und die Besatzungsarmee damit finanziert werden."

"Sud-Ouest" (Bordeaux)

"Niemand glaubt mehr, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg gezogen sind, um Massenvernichtungswaffen herauszuholen (von denen nicht die geringste Spur gefunden wurde) oder um eine Diktatur zu stürzen (die leider nicht einzig in ihrer Art war) - nicht einmal wegen des Öls. Sie haben Krieg geführt, um einen instabilen Nahen Osten nach ihrem Geschmack umzugestalten, und noch weitergehend, um ihre Stärke und ihre Allmacht zu zeigen. Und um zu zeigen, dass sie es nicht hinnehmen, wenn die wichtigste der mittleren Mächte sich ihnen in den Weg stellt. Die Vereinigten Staaten brauchen Gegner von ihrer Statur wie einst die UdSSR und morgen vielleicht China, sonst schwingen sie sich zu Herren einer unipolaren Welt auf."

"Trouw" (Amsterdam)

"Die Versuchung kann groß sein, um nach dem Irak auch andere 'Schurkenstaaten' oder Teile der 'Achse des Bösen' anzugreifen. Aber man sollte den Amerikanern mit allem Nachdruck davon abraten. Zum Glück hat dies der britische Premier schon getan. Der Krieg im Irak ist wohl gewonnen, der Frieden aber noch lange nicht. Hinzu kommt, dass der militärische Sieg im Irak noch keinen politischen Sieg der Amerikaner im Nahen Osten darstellt. Es ist fraglich, ob es den je geben wird. Sicher scheint es dagegen zu sein, dass eine Erweiterung des Krieges auf Syrien aus dem militärischen Sieg im Irak bestimmt eine politische Niederlage für die Amerikaner in der arabischen Welt machen würde." (APA/dpa)

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