Langfristige Verunsicherung

16. April 2003, 19:59
3 Postings

Was bei einer so genannten Pensionsreform herauskommt, wenn deren konzeptive Logik primär darauf abzielt, den Staatshaushalt zu sanieren - ein Kommentar der anderen von Johann K. Brunner

Vorbemerkung zu nebenstehender Grafik: Die obere Linie zeigt das Verhältnis der Zahl der über 60-Jährigen zu jener der 20-bis 60-Jährigen im Zeitverlauf von 2002 bis 2050. Die untere Linie stellt das Verhältnis der Zahl der über 65-Jährigen zu jener der 20- bis 65-Jährigen über denselben Zeitraum dar. Die Daten dazu stammen aus der jüngsten Bevölkerungsprognose von Statistik Austria. Zwar entsprechen diese Quotienten nicht direkt dem für das Pensionssystem ausschlaggebenden Verhältnis von Pensionsempfängern zu Beitragszahlern, aber sie zeigen die zu erwartende Entwicklung doch hinreichend deutlich an und sind daher für die folgenden Überlegungen durchaus eine geeignete Grundlage. Was ersehen wir daraus?

1. Das auf die 60-Jahr-Grenze bezogene Verhältnis ändert sich in den kommenden Jahren bis etwa 2007 nur wenig. Dies entspricht der aus den Pensionsvorausrechnungen bekannten Tatsache, dass es in den nächsten Jahren ein unmittelbares Pensionsproblem - im Sinn eines stärkeren Auseinanderklaffens von zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben - nicht gibt.

2. Der auf die 65-Jahr-Grenze bezogene Quotient liegt klarerweise deutlich unter dem für die 60-Jahr-Grenze und erreicht erst etwa im Jahr 2026 jenen Wert, den Letzterer schon jetzt hat. Bekanntlich liegt in Österreich derzeit das durchschnittliche Pensionsantrittsalter deutlich unter 60 Jahren. Man kann also aus der Abbildung schließen, dass eine Erhöhung des durchschnittlichen Pensionsantrittsalters um einige Jahre für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte durchaus schon eine deutliche Entlastung der von der Bevölkerungsalterung verursachten Pensionsproblematik ermöglicht.

3. Ab 2007 kommt es zunächst zu einem moderaten, ab etwa 2015 zu einem immer massiveren Anstieg der Quotienten. Erst ab letzterem Zeitpunkt wird also das Pensionsproblem aus demografischen Gründen außerordentlich deutlich spürbar werden.

Was ergibt sich aus diesen Tatsachen nun für die Ausgestaltung der Pensionsreform? Dazu ist vorerst zu bemerken, dass Pensionen so genannte Transferzahlungen sind, also Umverteilungszahlungen, von den Erwerbstätigen zu den Pensionisten. Für die Ausgestaltung dieses Systems gibt es offensichtlich keine klare ökonomische Lösung, sie ist letztlich immer von persönlichen bzw. politischen Werturteilen bestimmt. Man kann aber fragen, ob die Lösung adäquat gemäß der Zielvorstellung ist. Als Ziel der Pensionsreform wird üblicherweise die langfristige Sicherung der Pensionen genannt, und es erscheint vernünftig, dies in der Weise zu interpretieren, dass langfristig die Balance von Einzahlungen zu Auszahlungen so wie derzeit gewahrt werden soll, also der Bundesbeitrag anteilsmäßig nicht steigen soll.

Wenn man das anstrebt, so würde, wie obige Beobachtungen gezeigt haben, eine moderate Erhöhung des Pensionsantrittsalters kombiniert mit einer moderaten Senkung des prozentuellen Pensionsanspruchs bis etwa 2015 ausreichen. Danach kommt der schärfere, demografisch bedingte Belastungsanstieg, der eben mit stärkeren Maßnahmen kompensiert werden müsste. Eine vorausschauende Pensionspolitik würde dies jetzt schon gesetzlich fixieren, sodass sich die Betroffenen langfristig darauf einstellen könnten.

Täuschungsmanöver

Stattdessen enthält die präsentierte Pensionsreform der Bundesregierung massive Änderungen schon bis 2009. Natürlich kann man der Meinung sein, dass die Pensionen in Österreich ohnehin zu früh angetreten werden und/oder zu hoch sind und daher gekürzt werden müssten, damit eben auch der das Budget des Finanzministers belastende Bundesbeitrag anteilsmäßig gekürzt werden kann.

Mit anderen Worten: Die demnächst in Pension Gehenden sollen einen großen Beitrag zur Budgetentlastung leisten. (Die durchschnittliche Höhe der Neupensionen - ohne Beamte - betrug 949 Euro im Jahr 2001). Aber das kann man jedenfalls nicht mit dem Argument der langfristigen Pensionssicherung begründen. Im Gegenteil: Es wird unvermeidlich sein, dass das massive relative (im Vergleich etwa zur Situation 2010) Anwachsen des Pensionsproblems nach 2010 dann jedenfalls zusätzliche Maßnahmen erfordern wird, wie immer das Pensionssystem im Jahr 2010 aussehen wird. Jene Verschärfungen beim Pensionsantrittsalter und beim Pensionsniveau aber, die man zuvor schon zur Budgetentlastung eingesetzt hat, stehen dann nicht mehr zur Verfügung. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

Johann K. Brunner ist Professor für Volkswirtschafts- lehre an der Universität Linz
  • (zum Vergrößern)

    (zum Vergrößern)

Share if you care.