Muhammad Zaidan alias Abu Abbas wurde in Bagdad verhaftet

16. April 2003, 19:48
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Terrorist oder Exterrorist, das ist hier die Frage

Unter all den palästinensischen Terrorakten ist einer besonders im Gedächtnis geblieben: der feige Mord am 68-jährigen behinderten jüdischen US-Bürger Leon Klinghoffer auf dem von Palästinensern entführten Kreuzfahrtschiff "Achille Lauro" 1985. Klinghoffer wurde erschossen und mit seinem Rollstuhl ins Meer gekippt.

Da sollte man meinen, dass die Festnahme von Abu Abbas, dessen PLF (Palästinensische Befreiungsfront) die Tat damals beging, in der Nacht zum Dienstag in Bagdad eine große Sache sei. Das US-Zentralkommando feierte sie denn auch als ultimativen Beweis dafür, dass sich das Regime von Saddam Hussein als Terrorsponsor betätigt hatte. Aber wenn einem noch so vor Abu Abbas und seinen Taten graut: So einfach ist das nicht. Man wird Abu Abbas den Zusammenhang mit neueren Terrorakten nachweisen müssen.

Dass sich der Mann in Bagdad aufhielt, war ein nicht gerade gut gehütetes Geheimnis: Die New York Times etwa hatte voriges Jahr dort ein Interview mit ihm geführt - in dem er übrigens Al-Kaida und 9/11 verurteilte. Die Läuterung kann man dem Terroristen, der stets seine Schuld am Tod Klinghoffers bestritt (er hatte sich nicht auf dem Schiff befunden), glauben oder nicht. Aber auch die israelische Oberstaatsanwaltschaft hatte in den 90er-Jahren befunden, dass Abu Abbas "keine Gefahr mehr darstellt, nachdem er dem Terror abgeschworen und dem Friedensprozess zugesagt" habe. Er durfte deshalb völlig legal über Israel in den Gazastreifen einreisen.

Unklar ist weiters, ob der amerikanische Haftbefehl gegen Abu Abbas noch tatsächlich besteht - manche Quellen behaupten, er wurde fallen gelassen: Es gab jedenfalls einen finanziellen Vergleich der PLO mit den Töchtern Klinghoffers, die nun aber, menschlich nur zu verständlich, trotzdem einen Prozess gegen Abu Abbas fordern. Auch Italien, wo die PLF-Entführer und ihr Chef damals gefasst wurden, hat am Dienstag die Auslieferung verlangt: Ein Gericht in Genua hatte Abu Abbas 1985 zu lebenslanger Haft verurteilt - wohlweislich, nachdem man ihn hatte laufen lassen.

Abu Abbas, eigentlich Muhammad Zaidan, wurde 1948 in Haifa geboren, von wo seine Familie im gleichen Jahr nach Syrien floh. Er studierte arabische Literatur und Englisch, wurde 1968 Mitglied von Ahmad Djibrils PFLP-GC, von dem er sich 1977 lossagte und seine eigene Gruppe gründete.

Wenn man das Material über Abu Abbas durchsieht, gewinnt man den Eindruck, er sei der meistinterviewte Terrorist der Welt gewesen, von Famiglia Cristiana bis NYT, alles da. In einem Interview bedauerte er, dass er sich nicht mehr mit seinen beiden Söhnen, Khaled und Omar, die damals (1998) einem normalen Studentenleben in Montreal nachgingen, befassen konnte. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

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