"Club 2" kehrt zurück - aber nur für Briten

16. April 2003, 18:53
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Die BBC hat den "Club 2" soeben wiederbelebt - Der ORF indes setzt schon seit 1995 nur noch auf Talk im Kurzformat

Die Zeiten anspruchsvoller Diskussionen ohne Zeitlimit sind vorbei? Nicht ganz: Die BBC hat den "Club 2" soeben wiederbelebt. Der ebenso öffentlich-rechtliche ORF indes setzt schon seit 1995 nur noch auf Talk im Kurzformat.

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Was Österreichs TV-Publikum mit dem Namen Nina Hagen verbindet, ist den Briten ihr Oliver Reed. "Er war nicht ganz so betrunken, wie er vorgab", erzählt TV-Produzent Sebastian Cody vom Auftritt des randalierenden Schauspielers in der Diskussionssendung "After Dark" im Jahr 1991. Zu einem handfesten Skandal brachte es der bärbeißige Gast dennoch.

Ein erboster Anrufer war gewitzt genug, sich als Sendeverantwortlicher von Channel 4 auszugeben. Er ordnete an, die nach und nach ausufernde Diskussion zum Thema "Männer und Gewalt" abzuschalten. Cody, der mit seiner Firma Open Media "After Dark" produziert, erinnert sich im Gespräch mit dem STANDARD: "Die Sendung wurde tatsächlich abgeschaltet, stattdessen zeigten sie einen Film über Bergbau." Als der Irrtum 20 Minuten später geklärt war, schaltete Channel 4 wieder auf die nach wie vor heftige Diskussion, in der Reed mittlerweile versuchte, die lesbische Feministin Kate Millett zu küssen.

"Meilensteine" der Fernsehgeschichte

"Meilensteine" der Fernsehgeschichte nennt das der britische Guardian und verweist damit indirekt auf den ORF. "After Dark" unterscheidet sich nämlich nur in zwei Punkten vom 1995 eingestellten heimischen "Club 2": Die Ledergarnitur in "After Dark" ist nicht gelb, sondern rot. Und im Gegensatz zu Österreich belebt das britische Fernsehen das legegendäre Format wieder.

Seit 22. Februar streitet im öffentlich-rechtlichen BBC 4 jeden Samstag eine bunt zusammengewürfelte Runde. Die Diskussionsleiter wechseln, zeitliche Begrenzung gibt es keine, die bisher abgehaltenen Livediskussionen dauerten jeweils rund drei Stunden. Alkohol ist erlaubt.

Bisher zufrieden

Mit dem bisherigen Sendeverlauf ist Cody zufrieden, wiewohl offizielle Angaben über Einschaltquoten fehlen. BBC 4 sprach bereits von einem Erfolg, berichtet er. Zurzeit legt das Format eine schöpferische Pause ein. Cody rechnet mit weiteren Folgen von "After Dark".

An Diskussionsstoff mangelt es kaum, zumal es dem Produzenten immer wieder gelingt, kontroverse Runden zusammenzustellen. Zum Thema "Kindesmissbrauch" kam ein bekennender Pädophiler, über Terrorismus sprach unter anderem Silke Meyer-Witt, früher Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe.

Der langjährige "Club 2"-Leiter Peter Huemer kennt "After Dark" gut: Auf Einladung wurde er 1988 Zeuge einer Auseinandersetzung mit IRA-Sprecher Gerry Adams: "Es gab schon im Vorfeld einen Riesenwirbel."

Proteste

Von 1987 bis 1997 lief "After Dark" offiziell einmal die Woche, ab 1991 nur noch in unregelmäßigen Specials. Der Privatsender Channel 4 wurde kommerzieller, nahm keine Rücksicht auf bis zu sieben Millionen Fans. Die Proteste, als die Sendung verschwand, standen jenen in Österreich 1995 um nichts nach. Wiewohl der "Club 2", acht Jahre nach Peter Huemers Abgang schon deutlich entschärft war.

"Nicht den Schatten eines Ansatzes"

Hält Huemer für möglich, dass der ORF mit BBC 4 gleichzieht und den "Club" wieder ins Programm nimmt? Huemer verneint entschieden. Im Moment sieht er dafür "nicht den Schatten eines Ansatzes". (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 17.4.2003)

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    Seit 1995 in Österreich Geschichte: Der "Club 2" mitsamt Ledergarnitur und diskussionsfreudigen Gästen

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