Die Heiterkeit der Jahreszeiten

16. April 2003, 19:47
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Die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle und Bernard Haitink

Salzburg - Man möchte dem Dirigenten Sir Simon Rattle in all seinem weltlichen und künstlerischen Adel nicht allzu nahe treten, wenn ihm nach einer köstlichen, in jeder Beziehung ausziselierten Haydn-Darbietung zu attestieren ist: Diesem Erz- und Herzmusikanten liegt das Offenkundige, das Verbindliche und Verbündende viel näher als alles Dunkle, seelisch und ideologisch Angeschwärzte, wie es sich vor allem in der deutsch-österreichischen Romantik durch die großen Orchester wühlt.

Rattles immer währendes Lächeln scheint im Verlauf eines musikalischen Jahreslaufs im wahrsten und zugleich vielfältigsten Sinne des Wortes zum guten Ton zu gehören. Es weht um diesen hochfähigen Mann (und in logischer Konsequenz um eine solche Aufführung) die ungebrochene Heiterkeit des Seins, des Sprießens und des Blühens, selbst wenn Haydns Jahreszeiten, dieser oratorische Wetterbericht, einmal Unangenehmes verkünden.

Mit und unter Rattle weben und durchleuchten die Berliner Philharmoniker das Urgesunde einer ästhetischen Daseinsverherrlichung, als könnte man tatsächlich die reale Welt vom ersten Januar bis zum 31. Dezember mit instrumentalen Mitteln eins zu ein abbilden.

Initiative Soli

Rattle durfte sich freilich nicht nur auf ein kammermusikalisch hellhöriges, fabelhaft elastisch reagierendes, wenn in den Soli nötig auch eigeninitiativ formulierendes Orchester verlassen. Prägnant, in allen Lautstärken erzählerisch fügte sich der Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner in das herzliche Spiel der Kräfte - den drei Gesangssolisten Echo, Folie und kollektive Vorausschau nach Belieben.

Thomas Quasthoff als ein Pächter mit Autorität und Schmelz, Ian Bostridge als studentisch wirkender Jungbauer und die schier überirdisch, in ihrer schlanken Höhenreinheit an die junge Helen Donath erinnernde Christiane Oelze hießen jene drei vokalen Persönlichkeiten, die Rattles Welt an diesem umjubelten Abend stellvertretend bevölkerten.

Einen Abend zuvor hatte man es bei Bruckners Achter unter Bernard Haitink mit dem heiligen Ernst des Lebens zu tun, mit den Gewalten und Schichtungen des Unausweichlichen in gleichsam rotierender Bewegung. In herbstlichen Farben glänzt hier die Materie. Ein mögliches Fazit nach zwei im Inhalt so verschiedenen Konzerten: Bei Haydn zirpt die Grille, bei Bruckner raunt der Weltgeist.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

Von Peter Cossé
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