Arabesken und Mauresken

17. April 2003, 19:37
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Am 27. April werden bei Christie's in London "Islamische Kunst und Manuskripte" versteigert

London - Von vielen Journalisten werde er gefragt, ob es nicht unangebracht wäre, gerade jetzt eine Auktion mit islamischer Kunst zu machen. William Robinson, seit 1981 bei Christie's Experte für Islamische Kunst, kann sich darüber nur wundern, lässt er doch Zeugnisse einer Kultur veräußern, die zur damaligen Zeit friedlich mit anderen Kulturen und Religionen ausgekommen ist. Paradebeispiel ist Córdoba (Andalusien), das ab dem 10. Jahrhundert eine kulturelle Hochblüte auch dank der Koexistenz von Muslimen, Juden und Christen erlebte.

Aus Córdoba stammt auch das Toplos der Auktion, die am 27. April in London abgehalten wird. Ein Brunnenkopf in Form eines Bronzehahnes aus dem 10. bis 11. Jahrhundert soll über eine Million Pfund einbringen. Damit zählt der Hahn, welcher Vergleichsobjekt im Louvre vorzuweisen hat, zu den hochpreisigsten Objekten, die diese Sparte zu bieten hat.

William Robinson konstatiert preismäßig eine ständige Aufwärtsentwicklung: Im Jahr 1990 lag der höchste Preis für ein Metallobjekt islamischer Kunst unter 250.000 Pfund, heute sind es 3,6 Millionen Pfund.

Das Auktionssegment wurde bei Christie's 1976 eingeführt, nach der Revolution im Iran. Im Gegensatz zu damals dominieren jetzt die Araber den Markt, erklärt Robinson. Käufer der Kunstwerke und Manuskripte, welche oft direkt von der Auktion in Privatsammlungen gehen, stammen hauptsächlich aus der islamischen Welt und aus muslimischen Residenzen im Westen. Kaufkräftige Interessenten stammen laut dem Experten vor allem aus der Golfregion.

Viele der Ende April angebotenen Teller und Vasen sind mit Sinnsprüchen versehen, in der stilisierten Schrift (kufic). Als sehr selten bezeichnet Robinson ein in Syrien im Jahr 1671 entstandenes Manuskript mit 55 Miniaturgemälden, welche in der Art von Äsops Tierfabeln Geschichten von Kalila wa Dimna erzählen.

Arabesken und Mauresken, diese Bezeichnungen wurden naturgemäß im Westen geschaffen, um das kunstvolle ornamentale Dekor aus Pflanzenmotiven und Schrift zu bezeichnen, wobei die Arabeske als "ornamentale Ranke mit Bögen und Spiralen" definiert wird. Diese finden sich etwa auf einer Stahlplatte aus dem Iran um 1695 (8000-12.000 Pfund) oder auf zwei zentralasiatischen, konischen Tellern aus dem 11. Jahrhundert (bis 25.000 Pfund).

Geheimnisvoller geht es bei einem Handbuch für den Gebrauch magischer Formeln zu (16./17. Jahrhundert), das alte Symbole sowie Buchstaben aus dem Syrischen, Hebräischen, Indischen und Koptischen aufweist.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

Von Doris Krumpl
  • Ornamentkunst: Detail eines Brunnenkopfes in Form eines 44 cm hohen Bronzehahnes (10./11. Jahrhundert).
    foto: christie's

    Ornamentkunst: Detail eines Brunnenkopfes in Form eines 44 cm hohen Bronzehahnes (10./11. Jahrhundert).

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