Lesbische Frauen: Unterrepräsentiert auch im Gesundheitswesen

17. April 2003, 03:05
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Keine/r erforscht sie, Diskriminierung steht an der Tagesordnung: Lesbenspezifische Ansätze in der Medizin formieren sich nur langsam

Wien - Lesben sind nach wie vor unterrepräsentiert in allen Teilen der Gesellschaft. Während Literatur, Geschichte, Psychologie sowie die Sozialwissenschaften weibliche Homosexualität in den letzten Jahren öfter zum Forschungs-"Objekt" erkor, ist das Thema "Gesundheit von Lesben" bzw. "lesbische Medizin" nicht in der öffentliche Wahrnehmung vorhanden. Und obwohl männliche Homosexualität mit dem Aufkommen von AIDS traurige Berühmtheit erlangte und dadurch auch zunehmend von der Medizin ins Visier genommen wurde, bleiben die Lesben nach wie vor eine "undefinierbare Gruppe", die scheinbar keiner besonderen Forschung bedarf.

Wenn mensch davon ausgeht, dass "Gesundheit" mehr ist als das Nicht-Vorhandensein von Krankheit und Gebrechlichkeit, sondern eine Zusammensetzung aus physischem, mentalem und sozialen Wohlbefinden, dann leuchtet ein, dass Lesbengesundheit nicht gleich Frauengesundheit ist. Homosexuelle Frauen kämpfen in ihrem Alltag mit Heterosexismus und Homophobie, sie brechen klassische Gender-Rollen und sind vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt, was zu außerordentlich großen Belastungen führen kann.

Versäumnisse in der Lehre

An den Universitäten werden lesbische Lebensweisen und deren Sexualität vollkommen ausgeblendet, was dazu führt, dass Stereotypen über homosexuelle Lebensweisen unter den StudentInnen nicht hinterfragt werden müssen. Studien über lesbische Gesundheit gibt es sehr wenige, und wenn, dann sind sie klein angelegt. Alice Chwosta, Lesbenberaterin in der Rosa-Lila-Villa in Wien und Medizinstudentin bringt das Problem auf den Punkt: "Studien über Lesben zu machen ist generell schwierig, weil sie eine nicht klar abzugrenzende Gruppe sind. Untersuchungen finden oft unter verzerrenden Voraussetzungen statt. Als zum Beispiel das Trinkverhalten von Lesben untersucht werden sollte, gingen die Leute in Bars und befragten dort die Frauen zu ihren Trinkgewohnheiten. Dass die Anzahl der trinkenden Personen an solchen Orten nicht repräsentativ gewertet werden kann, schien anscheinend niemandem aufzufallen. Genau solche Studienanordnungen zementieren dann auch die Vorurteile gegenüber Lesben".

Besondere Risikofaktoren für Lesben

Als erwiesen gilt, dass lesbische Frauen öfter rauchen als Heterosexuelle. Die Gründe dafür bleiben im Unklaren: "Dass Lesben öfter rauchen kann auch ich aufgrund meiner Mini-Studie in der Wiener Lesben-Szene bestätigen", so Chwosta. Die Mitbegründerin des mittlerweile eingetragenen Vereins lesbischer Medizinerinnen verteilte Fragebögen in Szene-Lokalen und Beratungsstellen und stützt ihre Erkenntnisse auf 182 ausgefüllte Fragebögen. "67 Prozent der befragten Lesben zwischen 20 und 29 rauchten, das ist bei weitem höher als der Anteil bei den heterosexuellen Frauen", so die Studentin.

Nicht nur daraus ergibt sich ein höheres Krebs-Risiko für Lesben. Die häufig auftretende Kinderlosigkeit trägt hier noch zusätzlich zum Risiko bei. Was die Trinkgewohnheiten von Lesben betrifft, kann Alice Chwosta auch einiges berichten: "Von einer Studie der Washingtoner Universität weiß ich, dass lesbische Frauen wenn, dann anders trinken als heterosexuelle Frauen. Es ist wahr, dass der Durchschnitt an lesbischen Viel-Trinkerinnen größer ist als bei den Heteras, aber andererseits sind Lesben auch vergleichsweise öfter Abstinenzlerinnen".

Gesetzliche Barrieren

Besonders eingreifend in das Alltagsleben von Homosexuellen sind die diskriminierenden gesetzlichen Regelungen im Gesundheitswesen: Lesben können zum Beispiel ihre Partnerinnen, die vorübergehend zu Hause bleiben (weil sie etwa ein Kind erziehen) oder aus dem Ausland kommen, nicht in ihre Krankenversicherung miteinbeziehen, wie es heterosexuellen Paaren möglich ist. Lesben sind außerdem aufgrund ihres rechtlichen Single-Status von den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin ausgeschlossen und haben keinen Zugang zu Samenbanken.

In vielen Fällen kommt es auch vor, dass Lebenspartnerinnen von Patientinnen nicht über den Gesundheitszustand der Partnerin informiert werden, obwohl dies nicht verheirateten heterosexuellen PartnerInnen in fast allen Spitälern gewährt wird. Ein Zustand öffentlicher Diskriminierung, der auch der Tip-Beraterin nicht fremd ist: "Es gibt sicher noch viel zu tun". (freu)

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