Pflege zu Hause mit vielen Schwachstellen

16. April 2003, 18:27
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Rund 80 Prozent aller Pflegefälle werden zu Hause versorgt, besagt eine Grazer Studie, die aber auch eklatante Missstände zutage förderte

Graz - "Wir müssen darüber reden", sagt Horst Noack. Es müsse das, was in den Familien an Pflegearbeit geleistet werde, endlich breit diskutiert werden. Werden doch immerhin 80 Prozent aller Pflegefälle zu Hause versorgt. Und diese private Pflegesituation sei durchaus Besorgnis erregend: Es existieren zum Teil enorme Defizite in der Betreuung. Verwandte, die im Familienkreis kranke und alte Menschen versorgen, seien oft hilflos überfordert, es herrschten vermeidbare Missstände bei der Zuteilung von Pflegegeldern.

Zahl der Pflegebedürftigen steigt

Dieser Kern der jüngsten Studie des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität Graz sei deshalb von besonderer Brisanz, weil bedacht werden müsse, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen weiter dramatisch erhöhen werde, argumentiert der Institutsvorstand Horst Noack. Er hatte mit seinem Institutsteam aus einem Sample von rund 5000 Steirern gut tausend Betroffene aus 45 steirischen Gemeinden befragt. Die Ergebnisse, die seit wenigen Tagen vorliegen, seien durchaus auf ganz Österreich übertragbar.

Starke Belastungen

Noacks Befund ist ernüchternd: Beinah die Hälfte der privaten Pflegepersonen fühlt sich stark belastet. Immerhin werden Verwandte bis zu 20 Jahre lang gepflegt. Oft fehlt das Geld zur Pflege, aber fast ein Viertel der Befragten beantragt gar kein Pflegegeld. Noack erläutert im STANDARD-Gespräch: "Vielen ist es einfach peinlich, um Pflegegeld anzusuchen."

Die Studie habe aber dennoch bekräftigt, dass die Familiennetze trotz Abkehr von der Großfamilie noch immer funktionierten. Das Netz ist aber auch löchrig. Ein Zehntel der Pflegepersonen, meist ältere Frauen, verfügt über keine familiärere Unterstützung, was sich besonders dann auswirkt, wenn auch sie krank werden. "Dann ist der einzige Ausweg das Heim, oder sie quälen sich", sagt Noack.

Was einen weiteren Schwachpunkt des System aufzeigt. Die hohe Belastung der Pflegepersonen führt wiederum zu einer extremen Gesundheitsgefährdung ebendieser. Hinzu kommt die ökonomische Situation: Mehr als 20 Prozent der Pflegenden haben ein Familieneinkommen von weniger als 1000 Euro monatlich.

Falsche Einstufung Ein Missstand sei auch bei der Verteilung der Pflegegelder entdeckt worden. Ein systemischer Fehler, sozusagen. Die Einstufung nehmen Ärzte und Ärztinnen vor. Ärzte seien aber, sagt Noack, "nicht die geeigneten Sachverständigen". Wenn ein Arzt kommt, der nur ganz kurz Zeit hat, nehmen sich die Patienten und Patientinnen zusammen und verschleiern damit oft den tatsächlichen Pflegebedarf. Noack: "Nur geschultes Pflegepersonal kann eine exaktere Einstufung liefern." Noacks Forderung aus der Studie: Pflegepersonen sollten "raschest" eingebettet werden in ein dichtes Netz an Beratung und Schulung. (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe 17.4.2003)

Kaum bedankt leisten Verwandte im Familienkreis wertvolle Pflegedienste. Rund 80 Prozent aller Pflegefälle werden zu Hause versorgt, besagt eine Grazer Studie, die aber auch eklatante Defizite und Missstände bei der Betreuung älterer Menschen zutage förderte.
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