Kompetenter Osten fordert Österreich

17. April 2003, 13:28
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Die künftigen EU-Mitglieder haben sich "spektakulär" entwickelt - Österreichische Betriebe müssen sich auf härteste Konkurrenz einstellen

"Es scheint, dass Österreich und Frankreich jene zwei EU-Mitgliedsstaaten sind, die am meisten mit den zentraleuropäischen Beitrittsländern in Konkurrenz stehen", schreibt der Wirtschaftswissenschafter Peter Havlik in seinem Beitrag zur Studie "Accession Treaty and Consequences for New EU Members" des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Das heißt: Die neuen Mitglieder werden sich im Kampf um Marktanteile weniger mit den Nettoempfängern Griechenland, Portugal, Spanien matchen als mit arrivierten Mitgliedern.

Österreich werde dabei vor allem Mitbewerb aus Ungarn und Polen bekommen, die tschechische Industrie werde sich eher mit der deutschen und irischen konkurrenzieren. Dies ergibt sich aus einer Auswertung von Korrelationen in der Studie, die einen Zusammenhang von zurückgehenden und wachsenden Marktanteilen für die Jahre 1995 bis 2001 der einzelnen Länder innerhalb der Industrieproduktion der EU herstellen.

Produktivitätsplus

Dabei habe sich der ehemalige Ostblock von der vom Comecon forcierten Arbeitsteilung in der Grundindustrie teilweise schon komplett verabschiedet - und sich "spektakulär" entwickelt. Die Konkurrenz entsteht also in mehr technologielastigen und ausbildungsintensiven Mid- und Hightech-Sektoren.

Dazu passt, dass die Produktivität am meisten in der elektronisch-optischen Industrie sowie im Fahrzeugbau gestiegen ist. Verlierer sind die Nahrungsmittelindustrie, Textilproduktion, Lederfabriken, die Holz- und Papierindustrie - "die traditionellen Sektoren, die Standardtechnik verwenden, fallen zurück", so WIIW- Vizedirektor Havlik.

Tief gehender Strukturwandel

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre hätten die Beitrittskandidaten einen tief gehenden Strukturwandel hinter sich gebracht - wenn auch nicht in jedem Land und in jedem Teilbereich gleich stark. In der Studie heißt es dazu : "Die Beitrittsländer haben eine industrielle Struktur, die irgendwo zwischen dem weniger entwickelten EU-Süden und dem weiter fortgeschrittenen EU-Norden positioniert ist. Nach einer Dekade des Downsizings und Umformens ist die Industriestruktur in der Mehrheit der Beitrittsländer heute ziemlich nahe am europäischen Muster, betrachtet nach der Produktion und der Beschäftigung."

Insgesamt, so Havlik weiter, werde die EU-Erweiterung "keine zusätzlichen dramatischen Änderungen für die Industrie bringen, weder in alten noch in neuen EU-Mitgliedsstaaten - wegen des ohnehin schon hohen Grades der Integration in diesem Bereich". Aber: In einigen Sektoren - wie zum Beispiel Stahl in einigen Beitrittsländern, bei kleinen und und mittleren Unternehmen (KMU) sowie in Grenzregionen - werde es ernster. "Die Förderung von KMUs, Networking und grenzübergreifende Zusammenarbeit werden entscheidend sein, um potenzielle Probleme zu überwinden, die im vergrößerten europäischen Markt entstehen könnten", schreibt Havlik in der Conclusio.

Die gesamte WIIW-Studie beschäftigt sich in weiteren Kapiteln mit Themen wie Transferleistungen, Veränderungen in den Steuersystemen und ihre budgetären Auswirkungen, kurz- und mittelfristige Veränderungen im Agrarsektor und der Nahrungsmittelindustrie sowie mit einer Analyse des zum Teil noch unterentwickelten Dienstleistungssektors in den neuen Mitgliedsländern und seine Perspektiven, nicht zuletzt auch für ausländische Investoren. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe 17.4.2003)

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WIIW

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    Elektronik- und Fahrzeugindustrie (wie die VW-Tochter Skoda) trieben in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre die Produktivität in den Beitrittsländern nach oben.

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