Osterfest mit Mr. Take Five

20. April 2003, 14:53
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Dave Brubeck, Jazzpianist und -komponist mit Klassikerstatus und am Donnerstag beim "Osterklang"-Festival in Wien, im Gespräch

Einst viel diskutierte Figur zwischen Innovation und Kommerz, heute ein Klassiker des Jazzgenres: Pianist und Komponist Dave Brubeck gastiert am Donnerstag beim "Osterklang"-Festival im Wiener Konzerthaus, wo sein Oster-Oratorium "Beloved Son" aufgeführt wird. Ein Gespräch mit Andreas Felber.


Wien - Er ist seit 60 Jahren mit ein und derselben Frau verheiratet, raucht und trinkt nicht. Nicht einmal Kaffee. Weshalb sich Dave Brubeck, der 82-jährige Grandseigneur und "nice guy" des Jazz auch nicht des möglichen Fauxpas bewusst ist, dass er seine jüngste Hommage an Wien, einen auf der aktuellen CD Park Avenue South enthaltenen Jazzwalzer mit dem, äh, simplen Titel I Love Vienna, ausgerechnet in einer Manhattaner Starbucks-Filiale aufgenommen hat.

Dabei sind die Beziehungen des Kaliforniers zum von ihm geliebten Wien vielfältiger, als jene touristische Oberfläche vermuten ließe: Gehen sie doch im Prinzip bis ins Jahr 1942 zurück, als der wissbegierige junge Pianist, den Fats Waller ebenso beeindruckte wie Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire, an der Haustür des von den Nationalsozialisten geflüchteten Wiener Komponisten klopfte, in Brentwood Park, Los Angeles.

Und dort statt des angestrebten Kompositionsunterrichts jene berühmte Begebenheit erlebte, die vielleicht als typisch für so manche ästhetische Differenz zwischen Alter und Neuer Welt angesehen werden kann: "Nach einem ersten Vorstellungsgespräch schrieb ich ein kurzes Klavierstück und spielte es ihm eine Woche später vor. Er sagte: 'Das ist okay, aber warum springen Sie von dieser Note zu jener? Man muss einen Grund dafür haben.' Ich antwortete: 'Es klingt gut - ist das nicht ein guter Grund?' - 'Nein. Das ist überhaupt kein Grund!' Er wirkte sehr bestimmt, und als ich fragte: 'Warum sollten Sie den Weg diktieren, wie man von einer Note zur anderen fortschreiten darf?', meinte er: 'Weil ich mehr über Musik weiß als jeder andere in der Welt! Sie können jede Seite all dieser Beethoven-Symphonien aufschlagen, und ich werde Ihnen jede Noten erklären können. Das ist der Grund, warum ich Ihnen sagen kann, was Sie tun sollen.' Es war meine erste und letzte Stunde bei Arnold Schönberg."

Darius Milhaud, der damals am Mills College in Oakland unterrichtete, wurde stattdessen Brubecks Lehrer und Mentor: Er vertrat nicht nur liberalere pädagogische Anschauungen, sondern förderte Brubeck gezielt als Jazzmusiker.

Was den Pianisten seinerseits, als er - längst höchst erfolgreicher Leiter des legendären Quartetts - ab 1962 (Musical The Real Ambassador mit Louis Armstrong) seine Beschäftigung mit großorchestralen Vokalwerken intensivierte, dazu bewogen haben mag, zuweilen nichtsdestotrotz dodekafone Melodielinien in seine Partituren einzuflechten?

"Ich verwende die Zwölftonmethode ähnlich Strawinsky keinesfalls strikt, um Melodien gleichsam straffzuziehen: Oft merke ich, dass eine Linie zufällig aus zum Beispiel neun verschiedenen Tönen besteht - dann sehe ich es als Herausforderung an, auch die drei noch 'fehlenden' hinzuzufügen und sie so gut klingen zu lassen wie die übrigen."

Auch im 1978 komponierten Oster-Oratorium Beloved Son, das am Donnerstag im Rahmen des Osterklang-Festivals im Wiener Konzerthaus zu hören sein wird, finden sich derart gestaltete Strukturen, eingebettet in die rhythmisierten Gesänge zweier Gesangssolisten, von gemischtem und Kinderchor sowie den Dialog zwischen Brubecks Jazzquartett und Symphonieorchester.

Wie Brubeck, der schon 1958 im Zuge einer vom US-State Department organisierten Tournee unter anderem in Bagdad gastierte, die Botschaft des Werks wie auch seine im Dienste von globalem Frieden und Völkerverständigung stehende musikalische Tätigkeit im Kontext der aktuellen Schlagzeilen sieht?

Die Botschaft

"Es gibt auch hier Platz für künstlerischen Dialog. Der Austausch von Wissen und Ideen tut einfach gut und erhöht den Respekt voreinander. Die Antwort auf die Frage, wie ich zu diesem Konflikt stehe, findet man in meinen Kompositionen: Eine der wichtigsten christlichen Botschaften lautet, seinen Feind zu lieben. Das bedeutet nicht, dass man keine Feinde hat. Aber dass man stets Martin Luther Kings Grundsatz im Auge haben sollte: 'If we don't live together as brothers - we will die together as fools.'"

So weit, so idealistisch. War da noch etwas? Ach ja, die Musik selbst: Brubecks Image als Plagiator seiner selbst, der seit 40 Jahren dieselben Stücke spielt, auch wenn sie teilweise immer wieder neue Namen tragen. Dave Brubeck, ungerührt: "Es macht immer noch Spaß, Take Five zu spielen! Man könnte es jede Nacht aufnehmen, es klingt jede Nacht anders." (DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2003)

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    Dave Brubeck, hier 2002 in Basel

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