USA waren über Plünderung
des Nationalmuseums
in Bagdad vorgewarnt, Spekulationen über US-Sammlerkreis
Über die Plünderung des Nationalmuseums
in Bagdad werden immer
mehr Details bekannt.
Die USA waren nicht nur
vorgewarnt. Es gibt
auch Spekulationen,
dass die Militärs den
Raub zugelassen haben,
damit ein kleiner, feiner
US-Sammlerkreis
davon profitiert.
Wien - Der erste Schock war
groß. Aber die Bestürzung
jetzt, einige Tage nach der
Plünderung des irakischen
Nationalmuseums in Bagdad,
übertrifft die erste Entrüstung
noch: "Ich halte die Nachrichten kaum mehr aus. Wie blöd
müssen die USA denn sein,
dass sie keinen Posten vor das
Museum stellen?", schimpft
Hermann Hunger, der Vorstand des Instituts für Orientalistik in Wien. Der Vorfall sei "ein Verbrechen an der
Menschheit", ließ indes Michael Petzet, der Präsident des Internationalen Rates für
Denkmalpflege (Icomos) verlauten. Ein Panzer vor dem
Museum hätte genügt, um die
Katastrophe zu verhindern.
Sicherung des Ölministeriums ging vor
Allein: Die Amerikaner sicherten das Ölministerium
statt den "Palast der Weisheit". Tausende Plünderer
konnten das Museum ungehindert verwüsten. Das Untergeschoß mit den assyrischen
Exponaten und Monumentalobjekten und der 1. Stock mit
sumerischer und babylonischer Kunst liegen in Scherben. 170.000 Stücke sind nach
Schätzung der Unesco verschwunden oder zerstört worden. Über die Schäden in der
ebenfalls geplünderten Nationalbibliothek und der islamischen Bibliothek in Bagdad
oder dem Regionalmuseum
wie der Bibliothek in Mossul
gibt es noch
nicht einmal einen ersten Überblick.
"Wir haben sie
(die US-Militärs;
Anm.) bereits
von Anfang an
vor Plünderungen gewarnt", erklärt der Chikagoer Archäologe McGuire Gibbs. Er führte
ein Team von über 40 Wissenschaftern, das auf Anweisung
des US-Präsidenten bereits im
Herbst 2002 damit begann, die
kulturell bedeutsamen Stätten
des Irak aufzulisten und zu
kartografieren. Keine Kulturgüter, so der Auftrag an die
Forscher, sollten in einem
Krieg zu Schaden kommen.
"Mir wurde versichert, dass alle Objekte geschützt werden",
so Gibbs. Es kam anders. Und
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld fiel dazu nur
ein: "Wir haben die Plünderungen nicht erlaubt. Es ist
einfach passiert."
"Das ist ein unschätzbarer Verlust - das waren alles Unikate."
Der finanzielle wie ideelle
Schaden, der dabei entstand,
ist mit keinem Superlativ hinreichend beschrieben. "Das
irakische Nationalmuseum
rangiert in einer Liga oberhalb
des Wiener Kunsthistorischen. Wenn die Berichte über
die 170.000 fehlenden Objekte
zutreffen, entspricht das einem Verlust des British Museum in London", erklärt der
Grazer Altorientalist Hannes
Galter. Das Museum sei nach
der Beschädigung im Golfkrieg von 1991
erst im Vorjahr
wieder eröffnet
worden, dabei
seien aber nicht
alle Objekte wieder ausgestellt
worden.
"Die Frage ist,
welche Dinge wo
ausgelagert wurden", so Galter.
Der Goldschmuck der assyrischen Königinnen etwa, sei
kein Exponat mehr gewesen.
Wo er sich befindet, sei unklar. Der berühmte Sargonkopf allerdings oder der Frauenkopf und die Alabastervase
aus Uruk seien ausgestellt
worden. Auch ihr Verbleib ist
ungewiss. "Das ist ein unschätzbarer Verlust - das waren alles Unikate." Hermann
Hunger resümiert bitter: "So
absurd es klingt, man muss
jetzt wohl froh sein, dass die
Briten und Franzosen vor 100
Jahren so viel aus dem Irak
mitgenommen haben."
Die wichtigen
Stücke sind dokumentiert
Immerhin: Die wichtigen
Stücke sind dokumentiert.
Viel schwerer für die Forschung indes wiegen die Tausenden Objekte, die in Notgrabungen in den vergangenen Jahren gerettet wurden und jetzt zerstört sind, ohne
dass sie je ein Experte zu Gesicht bekommen hätte. Allein
im Keller des Museums sollen
Zehntausende zerbrochene
Tontafeln liegen. Im Keller befinden sich
auch die Tresorräume. Diese
wurden ohne Gewaltanwendung geöffnet. Viele Experten vermuten deshalb, dass ein
guter Teil der Plünderungen
geplant und organisiert durchgeführt worden ist. Bereits in
der Sanktionszeit hat sich eine
Art irakische Antiquitätenmafia gebildet, die jahrtausendealte Objekte ins Ausland verhökert hat. Diese, wird gemutmaßt, könnte auch jetzt - toleriert von der US-Armee - zugeschlagen haben.
Kleiner, feiner Markt für
Antiquaria aus Mesopotamien
Die Unesco hat zwar alle
Museen, Auktionshäuser und
Kunsthändler vor dem Ankauf
gestohlener Objekte gewarnt.
Dass das Diebsgut allerdings
auf dem offiziellen Mark auftaucht, gilt als unwahrscheinlich. Die Schätze dürften (in
Teilen oder ganz) an private
Sammler gehen. Dafür spricht auch die Einschätzung von Patty Gerstenblith, der Antiquitätenhandelsspezialistin des Archeological Institute of America: Es gebe in den USA einen kleinen, aber feinen Markt für
Antiquaria aus Mesopotamien. "Es geht um etwa 50
Leute - aber ihr Wort wird in
Washington gehört".
Dass die Objekte wieder an
das Museum gehen, ist indes
nahezu ausgeschlossen: Von
den 4000 Objekten, die nach
dem Golfkrieg von 1991 verschwunden sind, wurden bisher jedenfalls nur eine Handvoll wiedergefunden. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16.4.2003)