Kommentar: Kreative Destruktion

15. April 2003, 18:51
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UMTS ist eine Fallstudie besonders cleveren Unternehmertums - Von Helmut Spudich

Wer hätte das gedacht, dass nach all der überzogenen Euphorie und den verschobenen Starts die schöne neue Handywelt doch noch Wirklichkeit wird? Aber was lange währt, wird noch lange nicht gut: Wenn heute die Mobilkom das virtuelle Startband für ihr Netz der dritten Mobilfunkgeneration alias UMTS knapp vor "3" durchschneidet, wird sich nicht viel tun. Auf erste Geräte, die gemessen am Design zeitgemäßer Handys den Charme von Dampflokomotiven ausstrahlen, muss man noch weitere Wochen warten. Und wer Glück und eine gehörige Portion Masochismus hat, kann am Abend statt TV-Nachrichten in TV-Qualität ein Häppchen "Newsflash" zu sich nehmen: ruckelnde Kleinbilder, bei Sonnenlicht kaum sichtbar, mit mäßiger Tonqualität. Das soll die Zukunft sein?

UMTS ist eine Fallstudie besonders cleveren Unternehmertums: Aus Angst vor dem vom Nationalökonomen Joseph Schumpeter vorausgesagten Gesetz der "kreativen Destruktion", nach der jedes erfolgreiche Unternehmen seine Marktdominanz eines Tages durch eine neue Erfindung von jemand anderem verliert, wollte die Industrie unter Anleitung von Nokia diese Erfindung selbst vorwegnehmen, statt sie den Marktkräften zu überlassen. Also wurde, noch ehe das Potenzial der vorhandenen Handygeneration voll entwickelt oder gar ausgereizt war, "the next big thing" am Reißbrett erfunden - UMTS.

Die Erfindung ist gelungen, auch wenn sie noch in winzigen Kinderschuhen steckt. Aber es bleibt die Frage, wozu sie gut ist, außer für einen Blick auf den morgendlichen Verkehrsstau und "Erotikinformationen". Von der Antwort, nach der die Industrie Tag und Nacht fieberhaft wie nach Ostereiern sucht, hängt das Schicksal milliardenteurer Investitionen ab. Wir wünschen gutes Gelingen zum Start - sonst zahlen wir alle. (DER STANDARD, Printausgabe 16.4.2003)

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