Kopf des Tages: Babylons König Hammurabi

15. April 2003, 22:07
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Der Schöpfer des geschriebenen Rechtssystems verhängte auf Plündern die Todesstrafe

Was ist das für ein seltsamer "gesetzloser" Zustand im Irak: Ausgerechnet Gesetzestafeln, die berühmten des "Codex Hammurabi", wurden (zugegeben: neben allem anderen) aus dem Museum in Bagdad geplündert. Fast viertausend Jahre hatte dieses älteste geschriebene Recht der Welt überdauert, auch verschiedenste Besatzungsmächte. Doch kaum kommen die Amerikaner, ist das Gesetz weg.

Dieser 1901 von einem französischen Archäologenteam aufgefundene Codex hat seinem Namensgeber über die Jahrtausende hin Ruhm gebracht: Hammurabi (1728- 1668 v. Chr.) war bei seinem Regierungsantritt einer der vielen Stadtkönige (mit je eigenem Stadtrecht) im Gebiet zwischen Euphrat und Tigris. Er vereinheitlichte Religion und Recht. Im Unterschied zu Tyrannen kümmerte sich Hammurabi, der sich nicht als Gottheit verehren ließ, auch nicht nur um den eigenen Clan oder die Erweiterung seiner Macht, sondern betrieb akribisch die Förderung des Alltagslebens. So beauftragte er, Trinkwasser anstrebend, einen Beamten etwa auf folgende entzückende Weise: "Wenn du die Grabungsarbeiten am Kanal beendigt hast, so lasse im Euphrat von Larsa bis Ur die Wasserpflanzen ausreißen, entferne das Schilf und bringe ihn in Ordnung."

Diese Liebe zum "kleinen Mann" und zum Detail prägt auch den Codex. Nun leidet diese Gesetzessammlung leider unter einem falschen Ruf. Sie wird im Allgemeinen reduziert auf das hier in Teilen noch nachwirkende, ältere ius talionis, "Aug um Aug, Zahn um Zahn". Nur wird meist unterschlagen: Dieses Prinzip war selbst schon ein Fortschritt, Vergehen wurden eben nicht mehr unverhältnismäßig bestraft (etwa mit der Todesstrafe für ein kleines Vergehen).

Überdies gilt das ius talionis im Codex nur für das Strafrecht, teilweise. Das zentrale Anliegen des Herrschers nannte er im Prolog: "dass die Starken nicht den Schwachen schaden". Sensationell - im Vergleich zum heutigen arabischen und afrikanischen Raum - geschützt ist etwa die vergewaltigte Frau: Der Vergewaltiger wird mit dem Tod bestraft, die Frau ist selbstverständlich schuldlos. Die 282 Paragrafen umspannen Ehe-und Scheidungsrecht, Handelsrecht, Miet- und Erbrecht. Die Gesetze stufen in ihren Sanktionen zwar noch ab zwischen Ständen, aber versuchen großteils, die Haft- durch Vermögensstrafen abzulösen.

Trotzdem wirkt noch - archaisch - die Todesstrafe nach. Auch für Plünderungen: Wenn jemand, so Paragraf 21, durch ein Loch eindringt und raubt, so soll er, falls ertappt, vor eben diesem Loch getötet werden. Wenn der Plünderer hingegen nicht erwischt wird, so soll der Beraubte "unter Eid" den Verlust beziffern, und die Gemeinschaft leistet Ersatz. Heutzutage: Welche Gemeinschaft? Etwa die UNO?
(DER STANDARD; Printausgabe,16.04.2003)

Von
Richard Reichensperger
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    grafik: der standard
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