Ein Walzer in den Tränenteich

16. April 2003, 12:16
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Die grandiose US-Band Calexico war live in Wien

Wien - Am 10. Mai 1988 saß John Convertino erstmals auf einer Wiener Bühne hinter seinen Trommeln. Im U 4. Mit Howe Gelb an der Gitarre gaben die beiden als Giant Sand ein spektakuläres Konzert. Eines von vielen, das den Mann aus Tucson, Arizona, in den letzten 15 Jahren nach Wien geführt hat. Mit Giant Sand und mit der aus dieser Stammband hervorgegangenen Formation Calexico.

Joey Burns, der sympathische Mann mit dem Kirchendienerscheitel, der ebenfalls bei Giant Sand Gitarrendienst leistet und bei Calexico den Frontmann stellt, bedankte sich am Montag beim Veranstalter und beim Publikum für die erwiesene Treue. In Worten und - was noch viel mehr wog - mit einem Konzert, das wohl alle Besucher der beiden seit Wochen ausverkauften Szene-Wien-Konzerte in ihrer Zuneigung zu dieser Band bestätigt hat.

Nachdem Calexico bei ihrem letzten Gastspiel im Mittelteil ihrer Show einen experimentellen, mit Ambient- Studien kokettierenden Teil eingebaut hatten, stand nun wieder traditionelles Songwriting im Mittelpunkt. Das war gut. Denn auch dabei ist Platz für Improvisationen, für jene Motivskizzen, die die sechsköpfige Band plötzlich sinnvoll zusammenführt und zu einer dieser Melodien aufbaut, die einem geradewegs ins Herz gehen: sei es der mittels Akkordeoneinsatz in Tränenteiche geführte Sunken Waltz oder das mittels Steel-Guitar und hoch erhobener Trompeten in die Ferne schweifende Close Behind.

Sam und Jim

Dort, wo Ennio Morricone mit Klapperschlangenrasseln den Wilden Westen beschwört, errichten Calexico einen Schrein für Sam Peckinpah und Jim Thompson. Deren Geschichten verleihen sie nicht nur kongenial Klang, ihre Adaptionen sind behutsame Grenzgänge zwischen Tradition und den Themen des Hier und Jetzt.

Burns, der live eine durchlöcherte Akustische spielte, die aus dem Hause Willie Nelson zu stammen schien, bestach einmal mehr durch seinen sanft-melodischen Gesang. In diesem speziellen Tonfall schwingt neben all den Bildern, die einem der Kopf dazu liefert, eine starke Authentizität mit. Und diese hat immer etwas Bewegendes. Multiinstrumentalist Martin Wank blies dazu zusammen mit dem kurz ein kleines Jazz-Gastspiel gebenden Jacob Valenzuela die Hörner, eine Melodica oder touchierte zärtlich das Vibrafon.

Hier weitere Songtitel zu nennen erübrigt sich: Calexico spielten nur Hits, weil sie nur solche schreiben. Allerdings keine vordergründigen Angeber-Hits, sondern solche, die man erst beim zweiten oder dritten Mal Hören in ihrem Wesen erkennt. Zum Abschluss - und jetzt muss doch noch ein Titel herhalten - interpretierten Calexico schließlich die bei Alex Chilton abgeschaute Country-Rock-Nummer Range Life von den College-Rockern Pavement. Seufz, schnief, Jubel!

Auch daran kann man die Guten von den Schlechten unterscheiden.
(Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 16.04.2003)

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