Fremd im eigenen Land

15. April 2003, 17:52
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Im Irak ist "nation building" unter Einbindung aller Gruppen gefragt - von Gudrun Harrer

Fast wären die Amerikaner beim ersten Oppositionstreffen auf arabisch-irakischem Boden am Dienstag unter sich geblieben. Die prominenteren irakischen Figuren wollten sich ihren Landsleuten nicht vom kommenden US-Verwalter des Irak, Jay Garner, und von "Königsmacher" Zalmay Khalilzad vorführen lassen. Sogar der Lieblingskandidat des Pentagons, Ahmad Chalabi, verweigerte einen Auftritt. Dass er mit einer US-Militärmaschine nach Nasiriya eingeflogen wurde, hat seinem Ansehen schon genug geschadet.

Außer den Kurdenführern Barzani und Talabani hat keiner der Exiloppositionellen eine quantifizierbare Anhängerschaft. Obwohl man aus Erfahrung weiß, dass die Beseitigung eines repressiven Regimes die Differenzen in einer Gesellschaft aufbrechen lässt, überraschen die Schnelligkeit und Wucht, mit denen dies im Irak passiert. Die "Ausländer", Iraker und Amerikaner, können nur zusehen, verstehen nicht einmal, worum es geht.

Klar ist, dass sich in Nadjaf mehrere schiitische Gruppen bekriegen, wobei alle den separaten Wunsch haben, "ihre" islamische Regierung zu bekommen. Auch wird berichtet, dass nicht nur Schiiten aus Rachsucht auf Regime-Sunniten losgehen, sondern auch Sunniten auf Schiiten, denen sie den Zusammenbruch der Armee - wo Schiiten die Mehrheit stellen - anlasten. Es gibt weiters Hinweise, dass Anhänger des alten Regimes - und/oder radikale wahhabitische Sunniten - diese Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten fördern, um einen Keil in die irakische Gesellschaft zu treiben, um dann das Chaos den Besatzungsmächten anlasten zu können.

Es wird unter diesen Umständen ein frommer Wunsch bleiben, dass die USA die Kontrolle so bald wie möglich ganz den Irakern übergeben. Da ist behutsames "nation building" unter Einbindung aller Gruppen gefragt - und gerade darin haben die USA, euphemistisch gesagt, noch nie brilliert. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2003)

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