"Schwere Demütigung des Islam"

16. April 2003, 10:38
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Islamwissenschafter Tibi über eine Interpretationsmöglichkeit des Krieges in der islamischen Welt

Düsseldorf/Wien - "Der 9. April 2003 (Fall Bagdads) wird als große Verletzung in die islamisch-westliche Geschichte eingehen und für lange Zeit die Beziehungen zwischen beiden Zivilisationen belasten. Das ist die islamische Dimension des Irak-Krieges", schreibt der Islam-Experte Bassam Tibi in einem Kommentar für das deutsche "Handelsblatt" (Dienstag-Ausgabe). "Während Amerikaner von der Fortsetzung des 'war on terrorism' und Kontinentaleuropäer von 'Blut für Öl' sprechen, ist in der Welt des Islam eine andere Wahrnehmung verbreitet, nach der im Irak Kreuzzügler einmarschiert seien", betont der aus Syrien stammende Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen.

"Das Regime des irakischen Diktators und seine am deutschen Nationalsozialismus orientierte Baath-Partei sind zusammengebrochen. Es ist zweitrangig, dass Saddam (Hussein) noch nicht gefasst wurde. Diesen Monat fiel Bagdad, und dieser Fall wird den gleichen Rang in der islamischen Geschichte einnehmen wie der Fall Bagdads 1258 an den Mongolenführer Hulagu Khan (Enkel Dschingis Khans) und wie der Fall Kairos 1798 an den Vertreter der Französischen Revolution, Napoleon Bonaparte. Das macht die islamische Dimension des Irak-Kriegs aus und sie hat begonnen, die Kriegsfolgen zu bestimmen.

"Der Begründer der Baath-Partei, die die Familie Saddams im Irak und die Assad-Familie in Syrien an die Macht gebracht hat, war ein Christ namens Michel Aflak. Dieser christliche Panarabist soll zum Islam übergetreten sein und wurde nach seinem Tod im Beisein Saddams in Bagdad beerdigt. Zwar klingt diese Geschichte unlogisch, doch ist dies die offizielle irakische Version über den syrischen Christen Aflak. Er galt als Bewunderer von NS-Deutschland. Mit der von ihm 1937 begründeten Baath-Partei wollte er nach deutschem Modell den islamischen Nationalismus mit arabischem Sozialismus zu einem arabischen Nationalsozialismus verbinden. Diese Ideologie hat mit dem Islam nichts zu tun. Warum soll der Fall von Bagdad unter Saddam eine islamische Dimension haben? Ein orientalischer Despot ist enthauptet worden, und die Amerikaner stellen sich als Befreier vor, ernten dafür aber in der islamischen Welt einen immer intensiver werdenden Antiamerikanismus. Was ist die Erklärung?"

"Es ist die Revolte einer Zivilisation, die eine Pax Islamica für den gesamten Globus beansprucht und diese zwischen dem 7. und 17. Jahrhundert realisieren konnte. Dann kam eine neue Zivilisation, der Westen, und die europäische Expansion verdrängte den Islam seit dem 16. Jahrhundert von der Weltführung. (...) In unserer Gegenwart sieht es so aus, dass es eine Entwicklungslinie vom Fall der Berliner Mauer bis zum Fall Bagdads gibt, sich eine Pax Americana erst bildet. In der islamischen Wahrnehmung reicht diese Entwicklung viel länger zurück. Nach dem Scheitern der islamischen Belagerung von Wien 1683 mussten die Heere der Muslime eine Niederlage nach der anderen einstecken. Zuvor wurden sie aus Spanien verdrängt und dann aus Südosteuropa. Mit der Einnahme von Kairo 1798 durch Napoleon wurden letztlich die Rollen getauscht: Muslime sind keine Dschihad-Eroberer mehr, sondern Eroberte. Der Dschihad verwandelt sich vom Eroberungskrieg zum Verteidigungskrieg. Im islamischen Bewusstsein ist das eine Demütigung, deren jüngste Spielart die Wahrnehmung der Einnahme Bagdads als eine solche durch christliche Truppen ist, die sich als 'Alliierte' verkleiden. In diesem historischen Kontext spielt es keine Rolle mehr, dass Saddam ein blutbefleckter Diktator war; es gilt nur, dass Saddam nicht nur ein Muslim, sondern der Herrscher von Bagdad war und von Christen gestürzt wurde." (APA)

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