Mild bewegte Friedenspflege

16. April 2003, 18:38
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"Nachschrift zum Irak-Krieg": Enzensberger rechnet mit den Pazifisten ab

Frankfurt/M. - Gerade rechtzeitig zum Abflauen gravierender Kampfhandlungen im Irak liefert Deutschlands Paradeintellektueller, der Autor, Verleger und Büchner-Preisträger Hans Magnus Enzensberger (73), eine polemische "Nachschrift" zum Kriege.

Sein mit Blinder Frieden übertitelter Text im gestrigen Feuilleton der FAZ liest insbesondere den Friedensbewegten in Deutschland gehörig die Leviten. Zwar schlägt er die "triumphale Freude", die er angesichts von Saddams (politischem) Ende empfindet, durchaus den barbarischen Regungen zu, auch wenn sie gegen "die Feinde der Menschheit" gerichtet sei.

Enzensberger aber nimmt sich vornehmlich die "Warner und Mahner" zur Brust: "Nicht zum ersten Mal haben sich die Sorgenfalten, welche die deutsche Stirn furchen, als voreilig erwiesen."

Historische Fehleinschätzungen

Es folgt eine Art Auflistung jener historischen Fehleinschätzungen, die sich die Friedensbewegung laut Enzensberger habe zuschulden kommen lassen. Er nennt wie zum Beweis das unbeirrbare Festhalten am Konzept der Blockbildung sowie die zögerliche Befassung der Friedensapostel mit Slobodan Milosevic und den Taliban. Die Bekundung von Mitgefühl verkommt in den Augen Enzensbergers zum fatalen Ausblendungsmechanismus. Während im Irak ein "Krieg light" tobe mit vergleichsweise geringen Opferzahlen, verschließe die Weltöffentlichkeit die Augen vor den zeitgleich stattfindenden Metzeleien im Kongo und anderswo. Dass auch ein mildtätiger Krieg nur um den Preis von Opfern zu haben sei, ruft der Dichter umso nachdrücklicher ins Gedächtnis: "Der Code des Politischen ist mit dem der Moral nicht deckungsgleich."

Gleichsetzung

Enzensberger nimmt sodann seine seit langem bekannte Gleichsetzung von Saddam mit Hitler wieder auf. Er erinnert an die Zurichtung der irakischen Öffentlichkeit durch das Baath-Regime und mahnt eine Art demokratische Schadensabwicklung ein, deren Ziel die mühsame "Resozialisierung ganzer Völker" sei: "Selbst wenn die Amerikaner und die Briten im Irak Wunder bewirken würden, gälte dies nur als ein weiterer Beweis für ihre Hinterlist." Enzensbergers Fazit gipfelt in einer Art Selbstbefra- gung deutscher Friedensliebe: "Dasselbe Manichäertum, das seine Kritiker dem amerikanischen Präsidenten vorwerfen, zeichnet sie selber aus." Gerade im Hinblick auf die deutschen Erfahrungen mit dem Totalitarismus beklagt Enzensberger die "Fantasielosigkeit der Kriegsgegner": "Die Tatsache, dass Deutschland von den Westalliierten gerettet worden ist . . ., lässt keinerlei Dankbarkeit erwarten. Allerdings überrascht der Gedächtnisverlust, der sich hier zeigt." (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 16.04.2003)

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