Schatten auf der Sommersaison

15. April 2003, 17:21
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Wegen der schlechten Konjunktur rechnen Wirtschaftsforscher mit einem Rückgang der Nächtigungen

St. Anton/Wien - Die lahmende Konjunktur, die schlechte Konsumstimmung und die um sich greifende Angst um den Arbeitsplatz und die Pension drohen nun auch die Bilanzen der Tourismusbetriebe zu verhageln. Heuer im Sommer könnte es erstmals seit dem Jahr 2000 wieder Rückgänge bei den Nächtigungen geben, sagte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), Helmut Kramer, bei einer Veranstaltung in St. Anton.

Erst am Dienstag hat die Oesterreichische Nationalbank in ihrem jüngsten Konjunkturindikator ein Anhalten der Wachstumsschwäche konstatiert, die mittlerweile schon seit mehr als zwei Jahren anhält.

Verunsicherung

Bis vor kurzem gingen Wirtschaftsforscher noch davon aus, dass Österreich als bekannt sicheres und mit dem Auto einfach zu erreichendes Land im heurigen Sommer respektable Zuwächse verzeichnen könnte. Die Leute seien verunsichert, würden weniger Geld ausgeben und auch bei Reisen sparen. Für den Sommer sei ein Nachfrageausfall vor allem von Gästen aus Deutschland zu erwarten - dem wichtigsten Herkunftsmarkt für den heimischen Tourismus nach Österreich. Dieser Ausfall könne nur teilweise durch deutsche Urlauber kompensiert werden, die statt einer Fernreise einen Österreich-Urlaub planen, sagte Kramer.

Die Wachstumsdämpfung werde noch verschärft durch ein sich abzeichnendes gesteigertes Sparverhalten im Zuge der diskutierten Pensionsreformen in Österreich und anderswo. Da vielfach nicht mehr mit der ursprünglich erwarteten Pension gerechnet werde, sei davon auszugehen, dass sich die individuelle Sparquote in Österreich von derzeit 7,5 Prozent auf gut acht Prozent erhöhen werde.

Gedämpfte Lust auf Fernreisen

Die aktuellen "geopolitischen Schwierigkeiten" sowie die um sich greifende Lungenkrankheit Sars würden Österreich hingegen nicht schaden. Wegen der gedämpften Lust auf Fernreisen könnten sie dem österreichischen Tourismus im Europa-Vergleich sogar zu Marktanteilsgewinnen verhelfen, meinte der Wirtschaftsforscher.

Die Zahl der Nächtigungen hat sich von einem Höchstwert von 78,1 Millionen im Sommer 1991 kurz nach Wegfall des Eisernen Vorhangs auf 60 Millionen im Jahr 1997 verringert. Von 1999 auf 2000 ist die Nächtigungszahl österreichischen Sommergäste um rund 600.000 auf 59,6 Millionen zurückgegangen und dann kontinuierlich wieder gestiegen auf 60,2 Millionen im Vorjahr.

Bei den Deviseneinnahmen aus dem Reiseverkehr rechnet Kramer heuer nur mit einem gedämpften Wachstum von preisbereinigt 1,4 Prozent. Im Vorjahr gab es noch ein Plus von 4,5 Prozent. Der Großteil des prognostizierten Zuwachses bei den Deviseneinnahmen sei auf die gute Wintersaison zurückzuführen. Im Sommer sehe es weniger gut aus, sagte Kramer. (Günther Strobl, DER STANDARD, 16.4.2003)

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WKO

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    foto: epa/balzarini
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