Hingabe an das Ungewisse

16. April 2003, 12:13
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Zwei Premieren der etablierten freien Wiener Tanzszene: "Zwei Kraniche und Wolken" und "Quadrat*Quadrat"

Voneinander unabhängig, aber von Samstag auf Sonntag aufeinander folgend, fanden zwei Premieren der etablierten freien Wiener Tanzszene statt. Da weltabgewandte Wesen, dort in sich gekehrte Kreaturen. Das Tanztheater Homunculus orientiert sich in Nikolaus Selimovs "n.n." im Semper-Depot am instrumentalen Überschwang der zwei Frankfurter Préludes "Zwei Kraniche und Wolken" (uraufgeführt 1999) des Grazer Komponisten Christian Ofenbauer.

Die vom Band eingespielte und trotz vehement exzessiver Unterbrechungen eher Trostloses in sich bergende Musik gibt die gestalterische Linie an. Vorbei an in sich Versunkenen (eine Frau lässt das Fußgelenk drehen, ein Mann stiert in die sich kreisende Tischlampe) gelangt man zum Sitz mit Sicht auf die von Säulen umgebene Frontale. Da dann entwickeln die Agierenden, von der Körpermitte her "befohlen", ihre in individuelle körperliche Artikulation umgesetzten, sehr sensibel dargebrachten Hingaben an das Ungewisse.

Bei Bert Gstettner vom Tanz*Hotel ist "Quadrat*Quadrat" (bis 26. April, außer So und Mo) gleich mal ein doppeltes, spitz zulaufendes Aktionsfeld (Ausstattung: Gernot Sommerfeld). Grundlage für die von Livemusik (Florian Bogner, Thomas Grill, Gilbert Handler) begleitete Abfolge hat ihm Samuel Becketts "Quad" geliefert. Das Thema heißt Reduktion, Beschränkung auf das minimal Aussagekräftige. Als Aufführungsort dafür hat er den Raum 1020, eine ehemalige, im ausgehenden 19. Jahrhundert erbaute Reithalle in der Leopoldstädter Blumauergasse, gewählt.

Das im irregulären Rhythmus eingesetzte Metronom gibt vorerst, dann in treibenden Sound übergehend, bestimmende Geräusch vor. In mit Spannpressplatten ausgelegten Quadratfeldern schreiten in Kutten gekleidete skurrile Wesen. Lokaler Spielortwechsel: Zwischen den Säulen bedienen sich die Tänzer einer nicht unbedingt verständlichen, aber immerhin neu zu entdeckenden Sprache. In Tanz ausgedrückt sind es Minimalisten, die raummäßig eingeschränkt in den ehemaligen, von Säulen begrenzten Boxen bewegungsmäßig reduziert in Gstettners spezifischem Vokabular den Betrachter "einfangen". Existenzialisten, die zum Finale nur noch vom Balkon herab über sich lachen können. Das Leben ist wohl doch anderswo. (knei/DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Semper-Depot
01/212 79 60
bis 27. 4., 20 Uhr
Raum 1020
Blumauerg.
01/602 69 45
20 Uhr
  • Entspannen auf Pressspanplatten? – Nein, die Tänzer formieren
sich zu "Quadrat*Quadrat".
    foto: tanz hotel

    Entspannen auf Pressspanplatten? – Nein, die Tänzer formieren sich zu "Quadrat*Quadrat".

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