Symphonische Klangikonen

14. April 2003, 19:50
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Olivier-Messiaen-Schwerpunkt in der Helmut-List-Halle im Rahmen von Graz 03

Graz - Wer die Akustik der neuen Helmut-List-Halle bereits bei Friedrich Cerhas "Spiegel" genossen hatte, freute sich wohl ganz besonders auf Messiaens "Turangalîla-Sinfonie", "La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ" und "Eclairs sur l'Au-Delà . . ." mit dem SWR Sinfonieorchester unter Sylvain Cambreling.

Die große Klangmassen mit hoher Transparenz im Auditorium verteilende Akustik sollte ein Klangerlebnis der dritten Art garantieren. Ja, sollte, denn Cambreling ließ - wohl aus aufnahmetechnischen Gründen - den Saal praktisch komplett abdämpfen, sodass die orchestrale Klangfarbenpracht stumpf wirkte. Freilich beeindrucken eine 120-köpfige Europachorakademie und ein ebenso großes Orchester auch bei solchen Verhältnissen - "eine Musik wie Kirchenfenster, ein Wirbel komplementärer Farben" (Messiaen) war das jedoch nicht.

Cambrelings interpretatorischer Ansatz ähnelte diesen akustischen Voraussetzungen. Die knochentrockene Klarheit, mit der er die harmonischen und rhythmischen Raffinessen präsentierte, zeugte in erster Linie von der Meisterschaft Messiaens hinsichtlich rationeller klanglicher Verknüpfungen. Mit dem SWR Sinfonieorchester und dem Pianisten Markus Bellheim standen Cambreling dabei Interpreten zur Verfügung, die den präzisen Schlag des Pultmeisters mit viel Akkuratesse in klangliche Realität übersetzten.

Cambreling konnte das zentrale künstlerische Thema, nämliche die unmittelbare klangliche Wirkung, jedoch nur bedingt vermitteln, barocke Prachtentfaltung wandelte sich unter seinen Händen zu protestantischer Kargheit. Dass für Messiaen, den katholischen Mystiker, Ornithologen, Klangfarbenmaler, so ein Ansatz aber nicht grundlegend falsch ist, zeigte sich bei "Eclairs sur l'Au-Delà . . .".

Denn trotz der langsamen Tempi mit (ob der trockenen Akustik) etwas zu langen Fermaten sowie zu scharfen Abphrasierungen gelang es Cambreling durch die Konzentration auf lineare Verläufe und Pianissimo der Musik eine außergewöhnliche Schönheit, Helligkeit und Klarheit ab- zugewinnen. Dieser Messiaen blendet nicht in allen Regenbogenfarben, sondern flimmert in klarem Weiß. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Von Robert Spoula
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