Autobahnbau-Betrug: 52 Haftbefehle bei 'Ndrangheta

8. Juni 2010, 19:39
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Um Gewinne zu erhöhen lieferten mafianahe Unternehmen über Jahrzehnte schadhafte Baumaterialien und Beton mit zu hohem Sandanteil

An keinem öffentlichen Bauprojekt in Süditalien hat die Mafia so schamlos mitverdient wie an der Autobahn Salerno - Reggio Calabria. Um die Gewinne zu erhöhen, lieferten mafianahe Unternehmen über Jahrzehnte schadhafte Baumaterialien und Betonmischungen mit zu hohem Sandanteil. Das Ergebnis: bröckelnde Tunnels, rissige Pfeiler, holpriger Straßenbelag. Unzählige Baustellen zieren das 450 Kilometer lange Asphaltband, fast alle werden von der kalabrischen 'Ndrangheta kontrolliert.

So gewinnträchtig sind die Autobahn-Pfründe, dass sich rivalisierende Mafia-Clans in den 80er- und 90er-Jahren blutige Fehden lieferten, bei denen zwei Dutzend Menschen starben.

Drei Prozent Schutzgeld

Trotz der Kontrollen erpressen die Clans noch heute ein Schutzgeld von drei Prozent aller Bauunternehmer. Wer nicht zahlt, dem werden die Baumaschinen abgefackelt. Zahlreiche kleinere Zulieferbetriebe werden direkt von der Mafia kontrolliert. Am Dienstag hat die Polizei 46 Mafiosi das Handwerk gelegt, die an den Bauarbeiten zwischen Gioia Tauro und Scilla ihr Unwesen trieben. Weitere sechs, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, befinden sich bereits wegen anderer Vergehen im Gefängnis.

Unter Verhafteten auch führende Frauen

Unter den Verhafteten finden sich mehrere Unternehmer und einige führende Frauen der Mafia-Familien von Palmi und Gioia Tauro. Allen Angeklagten werden Betrug, Erpressung und Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Last gelegt. Einige müssen sich wegen zahlreicher Morde verantworten. Innenminister Roberto Maroni sprach von einem "großen Tag im Kampf gegen das organisierte Verbrechen".

In den letzten zwei Jahren habe der Staat Mafia-Besitz im Wert von elf Milliarden Euro beschlagnahmt. Eine letzthin in Reggio Calabria gegründete staatliche Agentur soll diese Besitztümer gemeinnützigen Zwecken zuführen. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 9. Juni 2010)

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    Löcher auf Straßen entstehen in Kalabrien nicht nur nach einem großen Regen sondern vor allem durch schlechte Baumaterialien

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