Spielgerät

Der Fußball ist ein Inder oder ein Pakistani

8. Juni 2010, 19:30

Niedrige Löhne bei der Produktion zwingen nach wie vor Kinder zur Näharbeit

Wien - Fußball-Großmächte sind sie keine, und auch Südafrikas WM-Turnier kommt ohne Indien (Weltranglistenplatz 133) und Pakistan (165) aus. Dabei sind die beiden Länder untrennbar mit Fußball verbunden. Mehr als 90 Prozent der weltweit verwendeten runden Wuchteln werden in nur wenigen Städten in Indien und Pakistan produziert.

In WM-Jahren wie diesem werden rund 40 Millionen Stück auf den Markt geworfen. Der überwiegende Großteil davon sind Billigprodukte, die im österreichischen Handel um durchschnittlich 20 Euro zu haben sind. Zum Vergleich: Das beim WM-Turnier in Südafrika verwendete Hochtechnologiegerät "Jabulani" wird nicht mehr handgenäht, sondern maschinell in China gefertigt - und kostet regulär 120 Euro.

Günstiger sind die Billigbälle nicht nur wegen der unterschiedlichen Machart, sondern vor allem wegen der Produktionsbedingungen. In den indischen Städten Jalandhar und Meerut verdienen Fußball-Näherinnen zwischen fünf und 30 Cent pro Ball. Das ist selbst in Indien wenig. Mehr als vier Stück gehen sich pro Tag nicht aus, erzählt Christina Schröder von der Organisation Südwind. "Um die Familie ernähren zu können, müssen auch Kinder in Heimarbeit nähen, statt in die Schule zu gehen."

Schröder hat sich die Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort angesehen. "Wenn sich die Näherinnen über die Löhne beklagen, bringen ihnen die Unterhändler keine Nähsets mehr." Oder die Produktion wird nach China ausgelagert, wo die Mindestlöhne noch niedriger sind.

Im Bewusstsein der Konsumenten in der westlichen Welt sind diese prekären Arbeitsverhältnisse noch nicht angekommen. Schröder will aber keine Kaufempfehlung für einen maschinengefertigten 120-Euro-Ball abgeben. "Fairness in der Produktion und in der Entlohnung kann man schon durch den Kauf von Fairtrade zertifizierten Bällen unterstützen." Der Preis: 21,90 Euro.  (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE 9.6. 2010)

Kommentar posten
25 Postings
Cordylus Cataphractus Violaceus
00

Sehr schön, wollte eh schonmal schaun, obs nicht irgendwo Fair-Trade-Fußbälle gibt. Wollte mir mal einen neuen zulegen, aber eben möglichst keinen bei dem man nicht weiß wer dafür gelitten hat...

Robby L.
10
Endlich

Dürfen Inder und Pakistani bei der Weltmeisterschaft auch dabei sein. Sogar im Finale werden sie eine wichtige Rolle spielen und das Siegestor gehört auch ihnen.

Cordylus Cataphractus Violaceus
01

...lesens den Artikel nochmal...

live 1982
00
die fifa ist schuld

Franz Brandtwein
10

Ich weiss nicht wie's euch geht, aber beim Begriff "Spielgerät" muss ich jedes mal würgen.

A_Schläsinger_vu_Brassel
00

Inwiefern?

Franz Brandtwein
00

klingt einfach blöd, kann mir nicht helfen.

nobody (likes the records that i play)
01

da habt's aber brav vom tv-gerät abgeschrieben!
(eine doku zu diesem thema lief vorgestern auf orf2)

DeMelkor
00
Gerade genau dasselbe gedacht!

ahasehrinteressant
02
Gratwanderung...

...Einerseitswird abgeraten diese Produkte zu kaufen, andererseits bringt es den Arbeitern in diesen Ländern nicht noch weniger Geld ein und steigert eher die Armut?
Wenn sich politisch nichts ändert, wird der Boykott vielleicht noch schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen als der Kauf dieser "billigprodukte".

Es ist menschenunwürdig unter diesen Bedingungen zu arbeiten! Nur um nicht falsch verstanden zu werden...
Es muss dann wohl auch unsere westliche Welt etwas tiefer in die Tasche greifen und für solche Produkte mehr geld ausgeben. Aber kommt dieser teurere Preis auch bei den Arbeitern an?

Peter Falber
01
siehe artikel

fairtrade-zertifizierter ball um 21,90.

da ist nichts mit tiefer in die tasche greifen, ganz im gegenteil.

Dr. Socrates
01
ist das ein fortschritt,

wenn die bälle maschinell in einem billigstlohnland hergestellt werden?

ich weiß es wirklich nicht.

tramezzino
00

theoretisch könnten die bälle bei diesem maschineneinsatz genausogut in deutschland hergestellt werden, soviel teurer wäre das auch nicht.

dragon.75
00

Vor ein paar Tagen war diesbezüglich ein interessanter Beitrag im TV (um 23 Uhr) "Der Ball ist rund". Pakistan produziert 70% der Bälle weltweit.

1. die Kinder gehen dort nicht in die Schule, weil es sich die Eltern finanziell nicht leisten können.
2. die Kinder arbeiten mit, damit die Familie genug zu essen hat (zum Sparen bleibt nichts übrig).
3. Kinderarbeit fürs Nähen wird verboten, daraufhin müssen diese Kinder in Steinbrüchen Felsen klopfen und ihnen geht es noch schlechter ...

Indien & Pakisten oder auch China sind sozial von Europa Lichtjahre entfernt. Dafür gibt es bei uns billige Massenware.

Mensch ärgere dich!
03
Globalisierung

Ich arbeite in Wien über eine Personalvermittlungsfirma in einem Lager. Wenn ich einen Fehler mache oder mich gegen die sadistisch erniedrigende Behandlung der Schichtleiter wehre, werde ich ausgetauscht. Absolute Ohnmacht.

ÆÆÆ
00

a geh, so schlimm sind wir auch nicht ;)

Dr. Socrates
00
ich weiß nicht,

was ich dir raten soll. nur, um es mit dem seligen kurt ostbahn zu sagen:

lass dir nix g'falln!

dasandere
00
Danke

für diesen Artikel, möge er noch lange dableiben!

Forumstschugoslabe
00

Ich bastel mir regelmäßig einen eigenen Fußball:

Man nehme einen Luftballon, wickle diesen mit Kreppklebeband solange ein, bis das zusätzliche Gewicht die Flugeigenschaften erzeugen, die man sich vorstellt.

Kostenpunkt: ein paar cent und wieder ein paar Minuten totgeschlagen.

Dr. Socrates
00
superidee!

aber bitte fair gehandelte luftballoons und biologisches hanf-klebeband verwenden.

daNinooo
00

auch wenn ich mir nahezu SICHER bin, das das nicht funktioniert, muss ich es dennoch mal ausprobieren. allerdings mit gaffatape.

Forumstschugoslabe
00

was soll daran NICHT funktionieren?

Vielleicht fliegt der Ball keine 70 Meter wenn man draufdrescht, aber für den Fußballkäfig gut genug

Poidi4
00
ohne Sie zu kennen,

glaube ich Sie machen das wirklich....

obibiber
00

freilich ist das bewusst, aber da schlägt das ego durch: wenn sich die leute dann selber mehr leisten können, weil sie eben den billigball nehmen, anstatt ein vielfaches zu zahlen...
darauf rücksicht nehmen zu können ist für viele leute im westen bereits luxus, wie bewusst die global greifende kapitalistische ausbeutungsmaschinerie auch sein mag...
und freilich macht's das nicht besser, aber eine erklärung ist's alle mal...

artista
00
es gibt aber auch von der fifa zertifizierte fair gehandelte bälle

kosten: ca 60€ im weltladen
die im artikel erwähnten sind trainingsbälle und haben auch eine sehr gute qualität

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.