Der schüchterne Rechtspopulist

8. Juni 2010, 19:27
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Ein Wahlkampfauftritt des niederländischen Antiislamisten Geert Wilders - Reportage

Das soll ein rabiater Rechtspopulist sein? Dieser große, schlanke, höfliche, fast schüchtere Mann im dunklen Anzug mit der Aura eines Versicherungsangestellten (was er auch war)? Für haider- und strachegewöhnte Österreicher ist Geert Wilders eine Enttäuschung. Das einzig Auffällige an seinem Styling ist das eierspeisgelb gefärbte Haar. Die Diktion, selbst in einer Wahlversammlung vor handverlesenen Anhängern, ist zurückhaltend. Kein Gebrüll, kein Kruzifix-Gefuchtel, kein Hineinsteigern, aber auch im Publikum kein Gejohle, kein Geschrei, es dauert lange, bis der erste Applaus kommt.

Geert Wilders ist der niederländische Anti-Islam-Populist. Sein Name wird genannt, gemeinsam mit Le Pen, Haider, Strache, Philip Dewinter vom belgischen Vlaams Belang, wenn es um Rechtsextremismus in Westeuropa geht. Bekannt wurde er mit seinem antiislamischen Film Fitna. 2006 erhielt seine Partij voor de Vrijheid (PVV) auf Anhieb 5,9 Prozent und neun Sitze im Parlament. Bis vor kurzem wurde es für möglich gehalten, dass die PVV bei den Wahlen stärkste Partei wird.

In einer Bowlinghalle außerhalb von Den Haag, vor etwa 250 Getreuen, abgeschirmt von Bodyguards und Metalldetektoren wegen der durchaus ernstzunehmenden Morddrohungen, wirkt Wilders eine Woche vor der Wahl müde, ausgelaugt, gedämpft. Es ist aus den verschiedensten Gründen für ihn zuletzt nicht so gelaufen.

Aber auch in seinen besten Zeiten trete er nicht anders auf, heißt es. Erstens ist er nicht der Typ und zweitens: In den Niederlanden tobt man nicht herum. Wäre er demagogischer, würden ihn selbst seine Fans nicht ernst nehmen, sagt ein Politologe.

Die Radikalität liegt nicht in dem, wie er etwas sagt, sondern was er sagt. Geert Wilders ist für eine Kopftuchsteuer ("Schädelfetzensteuer" in genauer Übersetzung), für einen Einwanderungsstopp für Muslime, ein Verbot weiterer Moscheebauten und er hat in Interviews gesagt, lebte Mohammed heute noch, müsste man ihn als Extremisten außer Landes jagen. Jetzt, in der Wahlversammlung, scheint er seine Anti-Islam-Positionen als bekannt vorauszusetzen. Er streift wohl die Kriminalität der marokkanischen Jugendlichen ("Straßenterroristen" ), er macht sich lustig über den SP-Kandidaten Job Cohen, der als Bürgermeister von Amsterdam dauernd Tee mit den Moslems getrunken habe - aber die Hämmer von früher fehlen.

Wie schlimm sind die "Ausländerprobleme" wirklich? Ein Besuch in einem einschlägigen Amsterdamer Vorort ("unser Ghetto" sagte die offizielle Begleitung) hat gezeigt: Keine Graffiti, kein Vandalismus. Vielleicht, weil Said Ben Salam, früher Kickboxer und Rausschmeißer in einem Rotlichtlokal, hier ein Sozialzentrum aufgezogen hat, komplett mit einer Ordnungsgarde aus Jugendlichen. Aber deswegen werden die ausländischen Besucher ja dorthin geführt.

Wilders Wähler, meist aus der Unterschicht, erleben das wohl anders. Von ihm wollen sie jetzt in der Wahlversammlung wissen, ob er endlich mitregieren wird. "Wir wollen ernsthaft in die Regierung" , versichert er, auch nachher in einem Kurzgespräch mit dem Standard. Aber als er die Chance zum Mitgestalten hatte, nämlich bei Stadtwahlen in Den Haag (zweiter Platz!), da kniff er.

Die Wahlrede ist vorbei, der Kandidat gönnt sich, umgeben von vier Bodyguards, eine Zigarette draußen. Er wirkt jetzt noch müder. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

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    Nicht ohne meine Leibwächter: Wer mit seinem Idol Wilders aufs Bild will, muss durch einen engen Sicherheitskordon.

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