Relative Finsternis, halbes Aufwärmen, voller Reiz

8. Juni 2010, 19:13
24 Postings

Unmittelbar vor der WM passiert das eine oder andere Hoppala. In den Städten finden sich die ersten Fans ein. Der Mexikaner trägt Sombrero, der Schweizer, jawohl, eine Kuhglocke

Die staatliche Energiegesellschaft hat in nahezu sämtlichen südafrikanischen Zeitungen tatsächlich Inserate geschaltet. Nicht um irgendwelche Masten und Kabel im Herbstschlussverkauf zu verscherbeln, nein, die Menschen in den Townships wurden aufgefordert, während der Fußball-WM Strom zu sparen. Damit das Netz nicht kollabiert. Ein offizielles Fernsehverbot wurde natürlich nicht erteilt, diese Zeiten sind in Südafrika überstanden.

Aber Verhaltenstipps wurden gegeben: Man solle während der Abendspiele alle Lichter abdrehen und stattdessen Kerzen benützen. Ist ja auch viel gemütlicher, so ein loderndes Feuerchen neben dem die Energie vernichtenden Fernsehapparat. Die Gefahr von Zimmerbränden wurde verschwiegen.

Warum am 8.Juni, also drei Tage vor Beginn der WM, im Pressezelt der Johannesburger Soccer City am extrem hellen Vormittag gleich dreimal der Strom ausgefallen ist, blieb ungeklärt. Kerzen wurden jedenfalls nicht verteilt, die relative Finsternis hat auch nur ein paar lachhafte Minuten gedauert. Die Zeit reichte jedenfalls nicht, um der Gemütlichkeit eine Chance zu geben.

Terminchaos

Der Weltverband Fifa verzichtete auf Schuldzuweisungen. Er saß ja selbst im Glashaus. Lädt man am 8. Juni zu einem extrem wichtigen Termin, der bereits am 5. stattgefunden hat, und ersucht auch noch um die rechtzeitige Anmeldung bis zum 4.Juni, ist irgendetwas schiefgelaufen. Die staatliche Energiegesellschaft könnte durchaus innerlich gelacht haben. Gröbere Folgen hatte der Fauxpas nicht. Die Fifa hat sich Stunden später via Media Channel entschuldigt, abgesehen davon sind ohnedies nur wenige hingegangen.

Der Media Channel ist das ultimative Kommunikationsmittel der WM. Es bedarf nur der Eingabe eines Passwortes, und schon ist man klug, im Sinne von: Man weiß, was im Land passiert. Der Dienstag bot 36 Programmpunkte, etwa die geglückte Landung der Nationalmannschaft von Serbien, die erfolgreiche Rückkehr Brasiliens vom Testspiel in Tansania (5:1), die Möglichkeit, die Zimmer der slowenischen Kicker zu fotografieren, ein Round-Table-Gespräch mit stets lockeren Spielern der USA. Ungefähr 19 Trainingseinheiten, wobei man sich nach jeweils 15 Minuten wieder verabschieden musste. Aber ein halbes Aufwärmen der Argentinier hat einen vollen Reiz.

Die Stadien werden geputzt, Düsenjets lärmen der Eröffnungsfeier entgegen. Schulkinder dürfen sich die Soccer City von innen anschauen, sie bekommen Vuvuzelas geschenkt. In den Stadtzentren finden sich die ersten Fans aus dem Ausland ein, mexikanische identifiziert man locker an den Sombreros. Und ein Schweizer hat tatsächlich eine Kuhglocke um den Hals hängen.

Die Veranstalter hatten mit 600.000 Schlachtenbummlern spekuliert, es werden vermutlich nur halb so viele sein. Neun Vertreter der neun Austragungsstädte verteilten in Johannesburg Prospekte und Kapperln (der 14. Programmpunkt), sie machten noch einmal Werbung. Mantlaka Sebaka pries sein Polokwane an, in dieser vergleichsweise kleinen Stadt (250.000 Einwohner) finden vier Vorrundenpartien statt, die erste am 13. Juni zwischen Algerien und Slowenien. "Das wird toll" , sagt er und betont, dass Polokwane "die sicherste Stadt in Südafrika ist. Wir wollen die Leute glücklich machen."

Michael O. Sutcliffe, ein Weißer, ist City-Manager von Durban. "In Sydney ist es für Touristen gefährlicher." Er ist von der Nachhaltigkeit überzeugt, widerspricht Besserwissern, die die WM als Geldvernichtungsmaschine bezeichnen. "Warum sollen wir keine Stadien bauen? Das Geld wird danach fließen. In Durban werden jährlich 18.000 Häuser errichtet, in die die Leute gratis einziehen können." Die Leute sind schwarz.

Sutcliffe glaubt an die Macht des globalen Fußballs. "Er wird zur Versöhnung beitragen. Vor 140 Millionen Jahren waren wir auch alle eins. Kommt zu uns, feiert in den Fanzonen am Strand, schlaft friedlich euren Rausch aus." Sollte es 2010 nicht klappen, "veranstalten wir in Südafrika auch noch Olympische Spiele. Durban ist bereit dafür." (Christian Hackl aus Johannesburg - DER STANDARD PRINTAUSGABE 9.6. 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schon im Training haben Südafrikas Kicker alle Hände und Beine voll zu tun. Am Freitag, zu WM-Beginn, wartet Mexiko.

Share if you care.