Herr Kim setzt auf Familienbande

8. Juni 2010, 19:07
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Der "Geliebte Führer" will seine Nachfolge dynastisch regeln - Analyse

Das Revirement in der nordkoreanischen Führungsriege deutet darauf hin, dass der "Geliebte Führer" Kim Jong-il seine Nachfolge dynastisch regeln und am Kurs des Regimes in Pjöngjang nichts ändern will.

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Pjöngjang/Wien - Die Sitzung der Obersten Volksversammlung im April ließ Kim Jong-il noch sausen. Aber schon damals zeichnete sich ab, dass es die Herren in Pjöngjang in diesem Jahr nicht bei einer Sitzung des nordkoreanischen Parlaments belassen würden. Mitte Mai bestellte der "Geliebte Führer" die 687 Abgeordneten noch einmal ein. Eine "organisatorische Neuordnung" stand auf der Agenda, deren politischer Fallout Anfang dieser Woche bekannt wurde: Kim ersetzt Premier Kim Yong-il mit dem Stadtparteichef der Kommunisten in Pjöngjang, Choe Yong-rim. Und vor allem beruft der nach einem Schlaganfall im Jahr 2008 gesundheitlich schwer angeschlagene Diktator seinen Schwager Jang Song-thaek zum stellvertretenden Chef des nordkoreanischen Machtzentrums, der Nationalen Verteidigungskommission.

Mit beiden Personalien scheint Kim den Machtanspruch seiner Familie konsolidiert zu haben. Choe (81) gilt als langjähriger Vertrauter der Familie und war Bürochef von Kim Il-sung, dem Vater des jetzigen Machthabers in Pjöngjang. Der 63-jährige Jang heiratete in den 1980er Jahren Kims Schwester Kyung-hee. Zwischenzeitlich in Ungnade gefallen, stieg der in der Kommunistischen Partei für alle Militärangelegenheiten zuständige Jang, in den vergangenen Jahren wieder in den engsten Führungskreis auf. Zuletzt galt er laut südkoreanischen Quellen, die im Nebel des geheimniskrämerischen Regimes in Pjöngjang stochern, als einer der engsten und loyalsten Mitstreiter des "Geliebten Führers".

Vor allem Jang soll den reibungslosen Übergang der Macht zu Kim Jong-un, dem derzeit als Favorit für den Diktatorenjob in Nordkorea geltenden jüngsten Sohn Kims, gewährleisten. "Er ist die vertrauenswürdigste Person, die er für die Nachfolgefrage installieren konnte", erklärte Park Young-ho vom Korea Institute for National Analysis der Nachrichtenagentur Reuters. Gleichzeitig signalisiere Jangs Ernennung, dass "sie mit den bestehenden Machtstrukturen weitermachen wollen. Es wird keine Innovationen, keine Öffnung und keine Reformen geben." Key-young Son von der Universität Sheffield glaubt in einem BBC-Interview ebenfalls, dass der Schwager der beste Ausgleich zwischen Militärs und zivilen Kräften im nordkoreanischen Machtapparat sei und seine Ernennung die Chancen für Kim Jong-un deutlich verbessert.

Der junge Kim ist seit April vergangenen Jahres einfaches Mitglied der Nationalen Verteidigungskommission. Laut südkoreanischen Zeitungsberichten soll der 28-Jährige auch den nordkoreanischen Geheimdienst leiten. Anfang des heurigen Jahres wurde Kim Jong-uns Geburtstag zum Feiertag ausgerufen und die Bevölkerung zu dessen Unterstützung aufgerufen, was den Nordkorea-Exegeten als letztes Indiz für die Bestimmung des in den 1990er Jahren in einer Schweizer Privatschule erzogenen jungen Mannes gilt.

Zuletzt war das Regime wegen der durch einen Torpedo versenkten südkoreanischen Korvette "Cheonan" außenpolitisch unter Druck geraten. Innenpolitisch machte Kim die Währungsreform von Ex-Premier Kim Yong-il zu schaffen, die Abwertung des Won hatte in dem bitterarmen Land für Unmut gesorgt. Und erst am Dienstag erschossen die Nordkoreaner an der Grenze zu China drei chinesische Schmuggler. Peking, das dem Regime als einer der letzten Alliierten nur noch unwillig die Stange hält, hatte Kim zuletzt ins Gewissen geredet. All das dürfte den Druck, eine rasche Machtübergabe über die Bühne zu bringen, verstärkt haben. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

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    Die Oberste Volksversammlung in Pjöngjang: Kim Jong-il thront in der Mitte, über allem steht aber der ewige Präsident Kim Il-sung.

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    Der Schwager Jang Song-thaek ...

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    ... und der Sohn Kim Jong-un arbeiten am Machterhalt in Pjöngjang.

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