Wenn Politiker "ein Leben mitbringen"

8. Juni 2010, 18:35
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Gauck wäre wohl ein guter Präsident und wenn die Abgeordneten der CDU und FDP frei wählen könnten, dann würde er es auch

In der Diskussion um die Kandidaten für die deutsche Bundespräsidentschaft ist der Ausdruck gefallen, Joachim Gauck bringe "ein Leben mit in seine Kandidatur".

Soll heißen, Gauck, einst Bürgerrechtler in der DDR, Begründer des "Bürgerforums" , habe ein ungewöhnliches, ihn tief prägendes Lebensschicksal gehabt, während - implizit , der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, der Kandidat von Kanzlerin Merkel, ein ganz netter, anständiger, aber eben durchschnittlicher Berufspolitiker ohne scharfes Profil sei.

Gauck hat wirklich "ein Leben" gehabt - sein Vater ist in Stalins Lager verschwunden, er musste in der DDR massive Benachteiligungen erdulden, ging trotzdem nicht weg, obwohl er es gekonnt hätte - und er war dann maßgeblich am unblutigen Sturz des Regimes beteiligt. Als Chef der "Gauck-Behörde" , die die Stasi-Akten aufzuarbeiten hatte, war ihm eine der schwierigsten Aufgaben anvertraut. All das hat den Siebzigjährigen zu einem "bürgerlichen Helden" (die konservative FrankfurterAllgemeine) gemacht.

Er wäre wohl ein guter Präsident und wenn die Abgeordneten der CDU und FDP frei wählen könnten, dann würde er es auch.

Seine Kandidatur erinnert aber wieder daran, wie "schicksalslos" die große Mehrheit unserer jetzigen Politiker ist - hauptsächlich deshalb, weil sie in ruhigenZeiten des Wohlstands aufgewachsen und sozialisiert worden sind. Ob das ein Grund für die Flachheit vieler dieser Repräsentanten ist?

Bedeutende demokratische Politiker des 20. Jahrhunderts brachten oft "ein Leben mit". Bruno Kreisky wurde vom Austrofaschismus ins Gefängnis gesteckt und musste - wie Willy Brandt - vor den Nazis ins Exil fliehen. Leopold Figl, ein Gründervater der Republik, wurde im KZ schwer gefoltert.

Die ganz Großen waren auf die eine oder andere Weise von außerordentlichen Ereignissen geprägt. Der junge Churchill war ein Abenteurer, der als Offizier/Kriegsberichterstatter an drei Kolonialkriegen - Sudan, Afghanistan, Südafrika - teilnahm, zum Teil im persönlichen Nahkampf. Franklin D. Roosevelt hatte als Erwachsener die Kinderlähmung zu überwinden.

Man darf diese Analogien wahrscheinlich nicht zu weit treiben. Doch ist der Schluss wohl zulässig, dass ein Leben, das ohne größere Ereignisse verläuft, in materieller und existentieller Sicherheit, in wenig aufregenden Zeiten, eher nicht die Voraussetzung für ein wirklich bedeutendes politische Wirken ist.

Das hat oft seine Vorteile. Politiker, die von inneren Dämonen getrieben werden und sich selbst nicht genug sind, richten meist ziemlichen Schaden an. Aber wenn Erlebnistiefe fehlt, das Bestehen kritischer Situationen, der Zwang zu schweren moralischen Entscheidungen, ja zu Entscheidungen überhaupt - dann kommt halt heraus, was wir jetzt vielfach haben: Plätscherer im Meinungsstrom.

Gott schütze uns vor "interessanten Zeiten". Aber ein bißchen mehr an interessanten, durch entsprechendes Erleben gefestigten (demokratischen) Persönlichkeiten in der Politik wäre schon nicht schlecht. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

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