Shared Space findet immer mehr Interesse

8. Juni 2010, 18:40
101 Postings

Straße ohne Verkehrszeichen - Die Idee: Ein Weniger an Regeln bringt ein Mehr an Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern

Wien/Linz - Autofahrer gegen Fußgänger, Radfahrer gegen Fußgänger, Autofahrer gegen Radfahrer: Der Straßenraum bietet reichhaltige Möglichkeiten, Aggressionen auszuleben. Der Verkehrssicherheit dient das eher nicht. Dass die verschiedenen Gruppen nicht unbedingt streng auf Fahrbahn, Radweg und Gehsteig auseinandergehalten werden müssen, um Konflikte zu vermeiden, ist die Grundphilosophie von Shared Space, einer Denkschule für die gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raumes, die auch in Österreich beliebter wird.

„Unsicherheit schafft Sicherheit"

„Unsicherheit schafft Sicherheit" lautet der Grundsatz, des vom niederländischen Verkehrsplaner Hans Monderman entwickelte Konzeptes. Die Grundannahme besagt, dass ein Weniger an Regeln ein Mehr an Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern bringt. Werden Gehsteige abgeschafft und Verkehrszeichen entfernt, steigt zwangsläufig die Aufmerksamkeit aller Beteiligten.

Nicht nur im Verkehr soll das Vorteile bringen: In der deutschen Stadt Bohmten verzeichneten nach der Neugestaltung einer Kreuzung die Geschäftsleute mehr Umsatz. Die Umgestaltung hatte den Platzcharakter wieder stärker betont, was den Kunden gefiel.

Straße ohne Verkehrszeichen

In Oberösterreich und der Steiermark fällt die Idee auf fruchtbaren Boden. Beispiel Ottensheim: In der Mühlviertler Donaugemeinde hat man schon seit neun Jahren damit Erfahrung, sagt Bürgermeisterin Ulrike Böker. Und diese seien nicht schlecht.

„Auf dem Marktplatz haben wir Shared Space pur, auch wenn das ursprünglich nicht so genannt wurde." Der 2001 vom Wiener Architekten Boris Podrecca umgestaltete Ortskern bietet eine niveaugleiche Straßenoberfläche und keine Verkehrszeichen. „Die Fahrer werden dadurch langsamer, sie kommen auf den Platz und müssen sich orientieren. Unfall haben wir seitdem keinen gehabt", sagt die Politikerin.

Zentrumszone

Auch in Enns, der ältesten Stadt Österreichs, spielt man mit dem Gedanken einer ähnlichen „Zentrumszone". Anfang Juni stimmt der Gemeinderat ab. Hauptsorge der Bürger und Politiker ist ein möglicher Wegfall von Parkplätzen, Handel und Gewerbe stehen aber hinter dem Projekt.

Verkehrsrechtlich gesehen, ist Shared Space aber eine gewisse Grauzone. Gibt es keine klar definierten Parkplätze mehr, darf theoretisch fast überall geparkt werden. Auch die Frage, wann Fußgänger wo auf oder über die Straße gehen dürfen, könnte bei genauer Auslegung der entsprechenden Gesetze zu Schwierigkeiten führen.

Allerdings: Beliebig anwendbar ist die Idee des geteilten Raumes nicht. Übersteigt das Verkehrsaufkommen gewisse Werte, bringt die Regellosigkeit keine flüssigere Fortbewegung mehr, sondern Stau und Unfallgefahr. (moe/DER STANDARD, Printausgabe, 9. Juni 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Weniger Regeln, mehr Geschäft: In der deutschen Stadt Bohmten brachte die Regellosigkeit im Verkehr mehr Sicherheit und Umsatz

Share if you care.