Der Mediator auf dem Prüfstand

8. Juni 2010, 18:26
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Die Türkei droht im Konflikt mit Israel die Vermittlerrolle zu verspielen

Der Aufstieg begann mit dem Wirtschaftsboom 2003 und der unternehmerfreundlichen Regierung unter Recep Tayyip Erdogan. Kemalistische Eliten wurden sukzessive durch einen neuen Mittelstand abgelöst. Es war eine leise Revolution von unten, die auch die Grundlage für andere Weichenstellungen bot. Die Türkei löste sich endgültig aus dem Gefüge des Kalten Kriegs, wollte nicht mehr nur als Nato-Basis im Osten dienen, sondern "proaktiv" werden, wie es der Architekt der neuen Außenpolitik, Ahmet Davutoglu, nannte.

Seine Strategie, wechselseitige Abhängigkeiten zu schaffen, um Probleme aus dem Weg zu räumen, war erfolgreich. Die Türkei förderte mit viel Elan wirtschaftliche Beziehungen und etablierte sich als Mediator in politischen Konflikten. Man wollte mit keinem Nachbarn Probleme haben. Ankara vermittelte im Libanon und im Irak, öffnete die Grenzen zu Syrien und hielt sogar Militärmanöver mit dem einstigen Gegner ab, 2008 kam es sogar zu Gesprächen zwischen Israel und Syrien. Die Türkei näherte sich aber auch Armenien an, die Reisediplomatie zwischen Teheran und Ankara wurde intensiver, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland und zu afrikanischen Ländern ausgebaut.

Die Türkei als Regionalmacht zu bezeichnen ist heute bereits eine Untertreibung. Sie ist eine Macht in vielen Regionen. Ankara zelebriert diese neue Größe auch mit internationalen Konferenzen und agiert selbstbewusst in den G-20. Zuletzt setzte der türkische Premier auch in Athen die Kooperationsoffensive fort. Auf dem Balkan hat sich die Türkei bereits einen Namen gemacht. Im April brachte der türkische Präsident Abdullah Gül seine bosnischen und serbischen Kollegen Haris Silajdžić und Boris Tadić zu einem freundlichen Handshake am Bosporus zusammen. Nicht nur Serbien wendet sich gern an die Türkei. Die türkische Regierung wird auf dem Balkan als Mentor im Wartesaal der EU gesehen.

Davutoglus Konzept der "strategischen Tiefe" und einer multidimensionalen Politik ging auf vielen Seiten auf, obwohl das unverkrampfte Verhältnis zu Syrien und zum Iran im Westen immer wieder zu Irritationen führte, die wegen des Gazakriegs Anfang 2009 in einem Zerwürfnis mit Israel endeten. Seitdem kommt es regelmäßig zu Eskalationen. Zuletzt wegen des Sturms auf die Gaza-Flotte.

Und Erdogan, der als Populist nicht nur verführerisch, sondern auch verführbar ist, holt sich mit starken Sprüchen ("Staatsterrorismus" ) viel Zuspruch und achtet dabei zu wenig darauf, welche Reflexe er dabei bedient. Er gilt zwar nun als Held der Palästinenser, doch der Türkei droht in dem aktuellen Konflikt die Neutralität und Distanz abhanden zu kommen, die sie als internationaler Vermittler braucht, etwa um Kompromisse - wie zuletzt im Atomstreit mit dem Iran - aushandeln zu können. Erdogan muss aufpassen, dass die nationalistischen Aufwallungen der Vormachtstellung der Türkei zwischen der EU und Asien nicht zuwiderlaufen.

Denn auch die USA setzen ganz auf den Mediator in Ankara. Eine Verhärtung der Positionen zwischen Israel und der Türkei ist demnach kontraproduktiv. Und auch die guten Kontakte zur Hamas nutzen Ankara nur in der Vermittlerrolle. Bisher hat die Türkei tunlichst vermieden, die Rolle des Vertreters der islamischen Welt zu übernehmen. Der Aufstieg der Türkei ist ja auch von der türkischen Wirtschaft und nicht von der Religion getragen. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

 

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