Schule neu: Gut, dass wir darüber geredet haben

8. Juni 2010, 17:51
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Über die Debatte um eine AHS-Reform und ihre inspirierende Wirkung - Ein Beratungsgepräch von Thomas Wintersberger

Also, ich möchte mein Kind, es besucht die vierte Klasse Volksschule, in der neuen innovativen Schule (Idee Landesrätin Hummer) anmelden. Dabei entwickelt sich ein durchaus interessantes Gespräch.

Die Direktorin erklärt mir, dass das Tolle an diesem Schultyp sei - obwohl sie ja lieber Leiterin einer Neuen Mittelschule (Idee Schmied) wäre -, dass der Unterricht überwiegend in heterogenen Gruppen stattfinde und mein Sohn daher ohne jeglichen Leistungsgruppendruck mit Freude lernen würde.

Zusätzlich sei ihre Schule eine sogenannte "Aufstiegsschule" (Idee Spindelegger), was den Vorteil brächte, dass jährlich angebotene "Umstiegsprüfungen" einen jederzeitigen Wechsel in eine AHS-Unterstufe (Erfinder schwer eruierbar, Zeitraum 19.Jh.?) ermöglichen würde. Im Übrigen führe ihre Schule als besonderes Highlight einen autonomen Kreativzweig (Idee Gehrer). Dies bedeute zwar einige Einheiten weniger Geometrisches Zeichnen und Physik, dafür aber eine jährliche Theateraufführung.

Mein Sohn sei sehr computerinteressiert, werfe ich kurz ein.

Dann wäre vielleicht doch die Hauptschule mit dem autonomen Schwerpunkt EDV (Idee Gehrer) im nächsten Ort die bessere Variante für meinen Sohn. Mehr EDV für etwas weniger Sport sei dort die Devise.

So hätte ich das nicht gemeint, entgegnete ich. Eine entsprechende Grundausbildung im Bereich der neuen Technologien gäbe es ja wahrscheinlich in jedem Schultyp. Wichtig wäre mir schon ein ungekürzter Turnunterricht. Mein Sohn spiele auch gerne Fußball ... und der zunehmende Bewegungsmangel der Kinder ...

"Sporthauptschule", entfährt es daraufhin der bemühten Direktorin. Nein, entschuldigt sie sich sofort, besagte Sporthauptschule sei mittlerweile eine "neue Mittelschule mit sportlichem Schwerpunkt" (Ideenkombination aus Schmied und Gehrer, Modell OÖ).Dort würde sogar ein AHS-Lehrer Sport unterrichten - ein "Turn-Magister" quasi. Mein Sohn würde dort die AHS-Reife erreichen können.

Die hat er bereits, bemerke ich, von der Volksschullehrerin attestiert.

Dann schicken sie ihn doch in eine AHS, rät die Direktorin.

Wenn es irgendwie geht, möchte ich meinem Zehnjährigen das tägliche Pendeln in die Stadt und das Warten am Bahnhof ersparen.

Wenn es um Zeitersparnis geht, wirft die Dame ein, würde sie als Alternative die städtische innovative autonome Aufstiegsschule mit 45-Minuteneinheiten (Idee Busek, kombiniert mit Hummer, erste Umsetzung in Niederösterreich Pröll) mit kaufmännischem Schwerpunkt empfehlen. Das würde täglich eine halbe Stunde Zeitersparnis mindestens bringen - also die Einsparung zumindest eines Schulweges. Die Schule hätte praktischerweise auch einen Fußballzweig, leider dafür weniger Bildnerische Erziehung und Musikerziehung. Empfehlenswert sei diese Schule auch wegen ihrer besonderen Begabtenförderung mittels Unterricht in Leistungsgruppen. Und trotz der Lage in der Stadt sei der Umstieg in eine weiterführende höhere Schule von der ersten Leistungsgruppe weg kein Problem.

Was mir am Teamsport so gefalle, werfe ich ein, sei die soziale Komponente gemeinsam Ziele zu verfolgen, Einsatz für andere zu zeigen, usw.

Da gäbe es dann noch, erfahre ich, die autonome innovative Aufstiegsschule mit Schwerpunkt Erste Hilfe und Altenbetreuung. Durch eine kleine Zusatzausbildung könne man bei späterer ehrenamtlicher Mitarbeit bei Rotem Kreuz oder Samariterbund das Stadium des Probehelfers überspringen und mit Helferstatus einsteigen. Durch die Unterrichtserteilung in 45-Minuteneinheiten erspare man sich Zeit: etwa 30-mal pro Woche fünf Minuten - ergeben hochgerechnet auf vier Jahre rund 500 Einheiten. Und: Besucht man in der vierten Klasse zusätzlich freiwillig den Kurs Medizintechnik, werde diese Zeit beim späteren Medizinstudium angerechnet.

Die Conclusio, die dem immer noch zögernden Vater (Ist das vielleicht das Gymnasium für alle, Idee Karl, Applaus Enzenhofer?) schlussendlich mit auf den Weg gegeben wird, ist eben so weitblickend wie naheliegend: Die Direktorin rät mir, mich nicht länger mit der Schulwahl für einen Zehnjährigen zu belasten, sondern mich in den umliegenden Krankenhäusern um einen Turnusplatz für meinen Sohn umzusehen. Das sei schwierig genug.

Sie sehen also: Die Zeit drängt.

Danke für das Gespräch. (Thomas Wintersberger, DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

Zur Person: Thomas Wintersberger ist Vorsitzender der Unabhängigen Pflichtschullehrer in Oberösterreich und unterrichtet an der PTS Leonding (Linz).

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