"Die Wege zur Bildungsreform sind mit Ideologie gepflastert"

8. Juni 2010, 19:47
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Die Spitzen von Wirtschaft und Industrie hegen - zur Freude der SPÖ - unverblümt Gesamtschulsympathien - Sie fordern aber auch - nicht zur Freude der SPÖ - Studiengebühren und Uni-Zugangsbeschränkungen

Wien - Und sie bewegt sich doch. Unter diesem Motto wird jede noch so kleine schulpolitische Regung in der schwarzen Reichshälfte von der SPÖ aufmerksam registriert und zuverlässig begrüßt. Am Dienstag gab es da gleich doppelten Grund zur Freude.

Denn Montagabend setzten sich die Präsidenten der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung, Christoph Leitl und Veit Sorger, einträchtig hin und bekannten freimütig ihre Sympathie für eine gemeinsame Schule für alle zehn- bis 14-Jährigen Kinder - was Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) natürlich zur Freude gereichte.

Immerhin gehört Leitl als ÖVP-Vorstand quasi zum schwarzen Partei-Adel und Sorger, der zwar parteifrei ist, wird als Industrie-Vertreter eine gewisse ÖVP-Affinität nicht zurückweisen.

Im Wirtschaftskammer-Papier "Starke Bildung. Starker Standort" wird die gemeinsame Schule explizit "als logischer Schritt" bezeichnet. Im IV-Programm "Schule 2020" ist die Rede von "einem gemeinsamen Bildungsangebot für alle" bis 14-Jährigen.

Leitl, der den innerparteilich ziemlich rüden Umgang mit "Gesamtschulabweichlerin" Beatrix Karl (ÖVP) gar nicht goutiert, glaubt, dass die Gesamtschule ein "Zug ist, der den Abfahrtsbahnhof schon längst verlassen hat, und die Frage ist nun: Wie erreicht er sein Ziel?" Und wann.

Da hat IV-Chef Sorger so seine Bedenken: "Ich hoffe, ich erlebe das noch." Damit er das noch erleben kann, müssten endlich "parteifreie Entscheidungen" getroffen und "Themen festgeschrieben werden, wo wir die Parteien heraushalten" - die da wären: "Bildung, Europa, Budgetkonsolidierung". Denn jetzt sei es so, meint Sorger, "dass alle die gleichen Lippenbekenntnisse zur Bildung abgeben, aber die Wege zur Bildungsreform sind mit Ideologie gepflastert" - und das war dann auch auf die SPÖ gemünzt. Denn die zwei Präsidenten hatten auch Forderungen auf Lager, die der SPÖ die Schulfreude ein bisschen vergällten. Beide fordern nämlich klar die Wiedereinführung von Studiengebühren und Zugangsregeln an den Unis, abgefedert etwa durch "Boni oder Rabatte" (Leitl) für wenig nachgefragte Fächer. Im Uni-Bereich müsse also Ministerin Schmied "mit Öffnung aufwarten", so Sorger.

Schmied wollte sich solcherart aber nicht an die Kandare nehmen lassen und wies das Ansinnen als "Junktimierung" sofort zurück.

Der Wunsch nach einer Schulreform wird übrigens auch im Internet formuliert von einer Facebook-Gruppe namens "Schulreform jetzt! Für die Einführung von Ganztags- und Gesamtschule".

Die Arbeiterkammer (AK) fordert das schon lange. Sie sieht in der "alten Schule" für viele einen "Ort des Scheiterns" und widmete sich am Dienstag bei einer Tagung den Schulabbrechern. Laut einer IHS-Studie fallen jedes Jahr 10.000 Jugendliche aus dem Bildungssystem (siehe: "'Frühe Bildungsabbrecher': 10.000 Jugendliche scheitern pro Jahr"). Grund für den Ausstieg ist laut einer Studie der WU vor allem mangelnde Unterstützung in der Schule. Drei Faktoren sind laut AK-Wien-Bildungsexpertin Susanne Schöberl ausschlaggebend dafür, dass Jugendliche die Schule abbrechen: Strukturelle Bedingungen (Umgang zwischen Schüler und Lehrer), familiäres Umfeld (Verhältnis zu Eltern, Erziehungsstil, Wert von Bildung) und die "Peergroup" (Gruppenzwang durch Gleichaltrige). (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2010)

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